Feierabend, Anke / Kerstin Jaunich

Wenn aus „Der Kuckuck und der Esel“ plötz­lich „Alle Jah­re wie­der“ wird…

Eine neue Website bietet Video-Lehrmaterial für den Instrumentalunterricht mit Demenzerkrankten

Rubrik: Bericht
erschienen in: üben & musizieren 1/2021 , Seite 48

Als die Vio­li­nis­tin Anke Fei­er­abend 2009 erst­mals vor der Auf­ga­be stand, eine an Demenz erkrank­te Frau auf der Gei­ge zu unter­rich­ten, wur­de ihr schnell klar, dass die her­kömm­li­che Instru­men­tal­di­dak­tik hier nicht greift. Ver­ba­le Erklä­run­gen wer­den oft nicht umge­setzt und Noten ver­lie­ren ihre Bedeu­tung. Anke Fei­er­abend ent­wi­ckel­te dar­auf­hin eine nach ihr benann­te Unter­richts­me­tho­de, deren wesent­li­cher Aspekt in der vali­die­ren­den Hal­tung der Lehr­kraft liegt, die wie bei­läu­fig „in die Schu­he“ ihrer kogni­tiv ein­ge­schränk­ten Schü­le­rIn­nen schlüpft, sie durch die Stun­de lei­tet und gleich­zei­tig sen­si­bel auf ihre Aktio­nen reagiert. Die Freu­de am Musi­zie­ren und am Sich-selbst-Spü­ren steht mehr im Fokus als über­ra­schend auf­tre­ten­de Lern­er­fol­ge.
Knapp zehn Jah­re spä­ter wur­de Anke Fei­er­abend ein­ge­la­den, ihre Unter­richts­me­tho­de in einem neu­ar­ti­gen Pro­jekt publik zu machen: Ein Jahr lang unter­rich­te­te sie eine an Demenz erkrank­te Schü­le­rin im mitt­le­ren Alz­hei­mer-Sta­di­um auf der Gei­ge. Alle Unter­richts­stun­den wur­den auf Video auf­ge­zeich­net und im Anschluss von Kers­tin Jau­nich aus­ge­wer­tet und bear­bei­tet. Ent­stan­den sind rund 80 Film­bei­spie­le von jeweils ein bis sechs Minu­ten Län­ge sowie aus­führ­li­che Erläu­te­run­gen, die jetzt auf der Inter­net­sei­te www.musikunddemenz.de ver­öf­fent­licht sind und ver­schie­dens­te Aspek­te eines Instru­men­tal­un­ter­richts mit Demen­z­er­krank­ten doku­men­tie­ren.
Die Web­site rich­tet sich an Instru­ment­al­lehr­kräf­te, Ange­hö­ri­ge und Betreu­ungs­kräf­te sowie alle Men­schen, die sich über die posi­ti­ven Wir­kun­gen und Chan­cen von Musik und Musik­un­ter­richt bei demen­z­er­krank­ten Men­schen infor­mie­ren möch­ten. Anders als in einer wis­sen­schaft­li­chen Stu­die oder einem Lehr­buch zur Metho­dik des Instru­men­tal­un­ter­richts ermög­li­chen die Film­bei­spie­le und Erläu­te­run­gen einen kon­kre­ten Ein­blick in den Unter­richt – hier exem­pla­risch in den Gei­gen­un­ter­richt. Sie stel­len typi­sche Situa­tio­nen dar, die auch im Instru­men­tal­un­ter­richt mit ande­ren demen­z­er­krank­ten Schü­le­rIn­nen und auch bei ande­ren Instru­men­ten wahr­schein­lich sind. In die­sem Sin­ne ist das Inter­net­an­ge­bot gleich­zei­tig Lehr­ma­te­ri­al für eine auto­di­dak­ti­sche Wei­ter­bil­dung für den immer wich­ti­ger wer­den­den Bereich Unter­richt mit Demen­z­er­krank­ten.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 1/2021.