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Eikmeier, Corinna

Wenn Mars­men­schen Vibra­to lernen…

Die Feldenkrais-Methode zur Vermittlung von Spieltechniken (nicht nur) im Cellounterricht

Rubrik: Praxis
erschienen in: üben & musizieren 6/2020 , Seite 26

Babys entdecken ohne Anleitung auf magische Weise ihre Bewegungsmöglichkeiten. Mosché Feldenkrais bezeichnete diese Art zu lernen als organisches Lernen und grenzte es vom gesteuerten, schulischen Lernen ab. Auch im Instrumentalunterricht wird der Lernprozess von Lehrenden gelenkt. Am Beispiel der Einführung des Vibratos im Cellounterricht zeigt Corinna Eikmeier, wie der Raum für organisches Lernen geöffnet werden kann.

Stel­len Sie sich vor, Sie müss­ten einem Mars­men­schen erklä­ren, wie Sie von einem Stuhl auf­ste­hen: Was bewegt sich auf wel­che Wei­se zuerst? Wie ver­la­gern Sie Ihr Gewicht? Wo ste­hen Ihre Füße für die­se Hand­lung am bes­ten? In wel­che Rich­tung haben Sie Ihren Kopf aus­ge­rich­tet? Und wel­che Bewe­gungs­bahn beschreibt die Bewe­gung Ihres Beckens? Selbst, wenn Sie alle die­se Fra­gen aus Ihrer eige­nen Erin­ne­rung und Wahr­neh­mung genau beant­wor­ten könn­ten, wür­de es dem Mars­men­schen, der noch nie auf einem Stuhl geses­sen hat, ver­mut­lich nicht gelin­gen, anhand Ihrer Beschrei­bung aufzustehen.
Ähn­li­che Situa­tio­nen ent­ste­hen, wenn Leh­ren­de den Ver­such unter­neh­men, Spiel­tech­ni­ken gründ­lich zu erläu­tern. Im Fol­gen­den zei­ge ich am Bei­spiel der Ein­füh­rung des Vibra­tos beim Cel­lo­spie­len, wie die Idee des orga­ni­schen Ler­nens in das schu­li­sche Leh­ren und Ler­nen ein­ge­bun­den wer­den kann, um instru­men­ten­spe­zi­fi­sche Bewe­gungs­ab­läu­fe ganz­heit­lich (das heißt unter Ein­be­zie­hung der natür­li­chen Koor­di­na­ti­on des gan­zen Kör­pers) zu vermitteln.

Orga­ni­sches Lernen

Babys ler­nen ihre Bewe­gungs­mög­lich­kei­ten ken­nen ohne Anlei­tung von Erwach­se­nen – ein­zig durch beharr­li­ches Aus­pro­bie­ren. Mos­ché Fel­den­krais bezeich­ne­te die­se Form des Ler­nens als orga­ni­sches Ler­nen, wel­ches sich vom schu­li­schen Ler­nen unter­schei­det: Orga­ni­sches Ler­nen, so Fel­den­krais, „ist jeweils indi­vi­du­ell und geht ohne einen Leh­rer vor sich, der etwa in einer bestimm­ten Zeit zu bestimm­ten Ergeb­nis­sen gelan­gen möch­te. Es dau­ert so lan­ge, wie der Ler­nen­de beim Ler­nen bleibt.“1
Im Instru­men­tal- und Gesangs­un­ter­richt ist die Ver­mitt­lung von kom­ple­xen Bewe­gungs­ab­läu­fen oder Atem­tech­ni­ken einer von vie­len Inhal­ten. Oft kann man die Ein­füh­rung einer Spiel­tech­nik mit der Erklä­rung einer All­tags­be­we­gung für einen Mars­men­schen ver­glei­chen; viel­fach gesel­len sich Ver­su­che der Leh­ren­den hin­zu, durch Kor­rek­tu­ren ihre Schü­ler und Schü­le­rin­nen schnel­ler zu einem befrie­di­gen­den Ergeb­nis zu füh­ren. Dadurch wird das Tem­po des Lern­pro­zes­ses oft so mas­siv beschleu­nigt, dass der Lern­pro­zess im Sin­ne des orga­ni­schen Ler­nens nicht statt­fin­den kann.
Im Unter­schied zu Babys befin­den sich Ins­­t­ru­men­tal- und Gesangs­schü­le­rIn­nen in einem for­ma­li­sier­ten Lern­kon­text. Je älter Men­schen wer­den, umso unge­wohn­ter ist es für sie, von innen her­aus natür­lich zu ler­nen. Des­halb ist es wich­tig, den Lern­pro­zess auch in for­ma­li­sier­ten Kon­tex­ten so anzu­lei­ten, dass Raum für orga­ni­sches Ler­nen ent­ste­hen kann. Nach Fel­den­krais ist dabei zu beden­ken, dass die Rei­hen­fol­ge der Lern­schrit­te ­ihren eige­nen Geset­zen folgt: „Wenn Lern­schrit­te aus­ge­las­sen wer­den, weil das Tem­po von außen vor­ge­ge­ben wird oder das Ler­nen auf ein Ziel hin­strebt, kann es im Ergeb­nis zu einer erheb­lich ver­min­der­ten Qua­li­tät kommen.“2
Nach der Fel­den­krais-Metho­de geschieht die Arbeit an kom­ple­xen Bewe­gungs­ab­läu­fen durch kla­re Anwei­sun­gen, in denen aller­dings kei­ne Beschrei­bun­gen der gewünsch­ten Bewe­gungs­ab­läu­fe ent­hal­ten sind, sowie durch vie­le Fra­gen, die die Ler­nen­den zu dif­fe­ren­zier­tem Wahr­neh­men anleiten.3

Vor­be­mer­kun­gen zum Vibrato

Das Vibra­to auf dem Streich­in­stru­ment ist ­eine Ton­hö­hen­ver­än­de­rung, die durch eine Schüt­tel­be­we­gung des gan­zen Arms erzeugt wird. Im Gegen­satz zur Gei­ge und Brat­sche gibt es auf dem Cel­lo kei­ne Unter­schei­dung von Arm‑, Hand­ge­lenk- und Fin­ger­vi­bra­to. Durch das Schüt­teln bewegt sich der Spiel­fin­ger von der Außen- zur Innenkante.
Beim Cel­lo­spiel ist das Vibra­to vom 2. und 3. Fin­ger zunächst leich­ter, da der Fin­ger direkt unter dem Schwer­punkt des Arms liegt. Beim 1. und 4. Fin­ger muss sich der Arm mit den ande­ren Fin­gern so aus­rich­ten, dass der Spiel­fin­ger eben­falls unter den Schwer­punkt des Arms kommt. Die zuvor auf­ge­bau­te Griffstel­lung muss also tem­po­rär ver­las­sen wer­den. Eine häu­fig auf­tre­ten­de Schwie­rig­keit ist die gleich­zei­ti­ge Belas­tung des Spiel­fin­gers und das Zulas­sen der Bewe­gung um die Druck­stel­le auf der Sai­te. Eine wei­te­re Schwie­rig­keit liegt in der Koor­di­na­ti­on des schnell beweg­ten lin­ken Arms mit dem gleich­mä­ßig geführ­ten Bogen durch den rech­ten Arm.
Die Schüt­tel­be­we­gung des lin­ken Arms über­trägt sich im Opti­mal­fall direkt auf den Spiel­fin­ger und setzt sich leicht durch die Schul­ter und den Rücken im Rumpf fort. Hier­zu ist es wich­tig, dass die gro­ßen pro­xi­ma­len Mus­keln von Rumpf und Schul­ter bewe­gungs­be­reit sind.4 Unter Berück­sich­ti­gung die­ser spiel­tech­ni­schen Her­aus­for­de­run­gen sind im Fol­gen­den Übun­gen zusam­men­ge­stellt, die den ein­gangs skiz­zier­ten Über­le­gun­gen zum orga­ni­schen Ler­nen folgen.

1 Mos­ché Fel­den­krais: Die Ent­de­ckung des Selbst­ver­ständ­li­chen, Frank­furt am Main 1985, S. 59.
2 Mos­ché Fel­den­krais: Das star­ke Selbst. Anlei­tun­gen zur Spon­ta­nei­tät, Frank­furt am Main 1989, S. 236.
3 zum orga­ni­schen Ler­nen vgl. u. a. Corin­na Eik­mei­er: Bewe­gungs­qua­li­tät und Musi­zier­pra­xis. Zum Ver­hält­nis von Fel­den­krais-Metho­de und musi­ka­li­scher Impro­vi­sa­ti­on, Fern­wald 2016, S. 200 ff.; Mos­ché Fel­den­krais: „Selbst­ver­wirk­li­chung durch orga­ni­sches Ler­nen“, in: Eliza­beth Berin­ger (Hg.): Ver­kör­per­te Weis­heit (= Mos­hé Fel­den­krais, gesam­mel­te Schrif­ten von 1904–1984), Bern 2013, S. 111–128.
4 vgl. Lin­da Lan­geh­ei­ne: Sai­ten­spie­le. Ein Weg­wei­ser für den Ein­zel- und Grup­pen­un­ter­richt auf dem Vio­lon­cel­lo, Frank­furt am Main 2000, S. 115 ff.; Ger­hard Man­tel: Cel­lo üben. Eine Metho­dik des Übens nicht nur für Strei­cher. Von der Ana­ly­se zur Intui­ti­on, Mainz 2013, S. 94 ff.

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