Bukowski, Helene
Wer möchte nicht im Leben bleiben
Roman
Der Roman erzählt den Lebensweg einer jungen Pianistin, die 1961 geboren wurde und mit 24 Jahren Suizid beging. Christina erhält ihren ersten Unterricht von ihrem ehrgeizigen Vater, kommt dann an die Musikschule Neubrandenburg, wird aufgrund ihrer guten Leistungen in die Ost-Berliner Spezialschule für Musik aufgenommen, verbringt eine sechsjährige staatlich finanzierte Studienzeit in Moskau und studiert danach noch eine Weile in Berlin. Im Laufe ihrer Ausbildung gewinnt sie zahlreiche Preise, verfehlt aber nach ihrer Rückkehr aus Moskau den erhofften ersten Preis im Leipziger Bach-Wettbewerb.
Sie enttäuscht die in sie gesetzten Erwartungen und erlebt eine schwere Krise, aus der sie letztlich nicht mehr hinausfindet. Zwar wird sie als Lehrerin an der Berliner Hochschule für Musik angestellt, erhält jedoch nur Nebenfachstudierende zugeteilt und muss sich an jedem Unterrichtstag mühsam einen freien Raum suchen. In Berlin wohnt sie wieder häufig bei ihren Eltern. Ihr Vater treibt sie zum Konzertieren, aber ihre Freude am Klavierspiel schwindet durch den zusehends als bedrückend erlebten Perfektionszwang. Sie bekennt: „Das, was mich gehalten hat, das ist weg, das trägt mich nicht mehr.“ Bald danach stürzt sie sich in der Wohnung ihrer Eltern aus dem Fenster.
Grundlage des Romans bilden zahlreiche Dokumente, mit denen sich Helene Bukowski nach dem Selbstmord der jungen Pianistin beschäftigte. Mit viel Empathie versetzt sie sich in ihre Hauptfigur. Durch die romanhafte Fiktionalisierung gewinnen die tatsächlichen Geschehnisse Spannung und Eindringlichkeit. Eine sehr persönliche Nähe zu Christina schafft Bukowski dadurch, dass sie sie im gesamten Roman persönlich anredet. Erinnernd vergegenwärtigt sie der toten, durch das erinnernde Schreiben belebten Christina ihre Lebensgeschichte. Dieser Kunstgriff ermöglicht der 1993 geborenen Autorin, ihrer Protagonistin eine Partnerin zu werden und so auch ihre eigenen Lebenserfahrungen und Gefühle als Kind der Nachwendezeit mit Wurzeln in der DDR zu reflektieren.
Der Roman gibt viele Einblicke in die staatlich gelenkte Ausbildung musikalisch begabter Kinder und Jugendlicher in der DDR. Eindrucksvoll beschreibt Helene Bukowski das Klima und die Erziehung im Elternhaus mit dem antreibenden Vater, verschiedene mit hohem Leistungsanspruch und teilweise psychischem Druck arbeitende Lehrerpersönlichkeiten, die Verhältnisse an der Berliner Spezialschule, die Umstände des Studiums in Moskau, wo Christina von der großen Pianistin Tatjana Nikolajewa unterrichtet wird – so sensibel und menschenfreundlich, wie von niemandem sonst.
Bukowskis Buch bietet eine fesselnde Lektüre über Glück und noch mehr über Unglück im Erlernen und Ausüben des Musizierens.
Ulrich Mahlert


