Behschnitt, Rüdiger

Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit…“

Der 11. Bundeskongress des bdpm in Hannover fand mit Rekordbeteiligung und gewachsenem Selbstbewusstsein statt

Rubrik: Bericht
erschienen in: üben & musizieren 3/2016 , Seite 36

Das ist live, das ist schön!“ – Freu­de­strah­lend kom­men­tier­te Car­lot­ta Tru­man ihren eige­nen Auf­tritt und den ihrer Band „Car­lot­ta And The Tru­man Show“ vom music col­le­ge Han­no­ver und gab damit zugleich ein Mot­to, das für die gesam­te Eröff­nungs­ver­an­stal­tung des bdpm-Kon­gres­ses in Han­no­ver Gül­tig­keit bean­spru­chen konn­te. Die Red­ner beschränk­ten sich auf kur­ze Gruß­wor­te und weni­ge State­ments, denn im Mit­tel­punkt stan­den die Musik und die Musi­zie­ren­den, die kraft­strot­zend Zeug­nis abga­ben von der Musi­zier­freu­de, die ihnen in ihren Musik­schu­len ver­mit­telt wird.
Das Titel­zi­tat wur­de von Eric Rid­der, 1. Vor­sit­zen­der des bdpm-Lan­des­ver­bands Nie­der­sach­sen-Bre­men, kei­nes­wegs als War­nung ver­stan­den; er war sich sicher, dass der bdpm die Zei­chen der Zeit erkannt und mit dem Kon­gress­mot­to „Musik­schu­le 2020“ die The­men der Zukunft im Blick hat. Unter­stüt­zung erhielt er von Franz Rie­mer, Prä­si­dent des Lan­des­mu­sik­rats Nie­der­sach­sen: Mit dem Blick bis zum Jahr 2020 habe der bdpm eine über­schau­ba­re und kal­ku­lier­ba­re Span­ne ins Auge gefasst, mit der sich zuver­läs­sig und ohne Spe­ku­la­tio­nen pla­nen las­se.
Im Zei­chen die­ser ver­läss­li­chen Zukunfts­pla­nung stan­den auch die The­men der Work­shops, die sich z. B. digi­ta­len Her­aus­for­de­run­gen stell­ten – „Apps für den Musik­un­ter­richt“, „Digi­tal Keys 2.0: Moder­ne Instru­men­te für den Unter­richt“ – oder Mög­lich­kei­ten dis­ku­tier­ten, inklu­siv mit Kin­dern unterschied­licher Kul­tu­ren und Leis­tungs­stän­de zu arbei­ten. Hier macht z. B. das Früh­erzie­hungs­pro­gramm Gob­lins Ange­bo­te durch die Ver­bin­dung von Musi­ka­li­scher Früh­erzie­hung und Früh­eng­lisch.
Der Eröff­nungs­vor­trag von Armin Klein, Pro­fes­sor für Kul­tur­wis­sen­schaft und Kul­tur­ma­nage­ment an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le Lud­wigs­burg, bot Kon­flikt­po­ten­zi­al, ist Klein doch einer der vier Autoren der 2012 erschie­ne­nen Pole­mik Der Kul­tur­in­farkt, die mit ihrer For­de­rung nach Schlie­ßung eines Teils der öffent­lich finan­zier­ten Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen und Umver­tei­lung staat­li­cher Kul­tur­för­de­rung für Furo­re sorg­te und bis heu­te Stoff für Dis­kus­sio­nen lie­fert. Kleins nach­voll­zieh­ba­re For­de­rung, öffent­lich finan­zier­te Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen dazu zu ver­pflich­ten, ihren Anteil der Eigen­finanzierung deut­lich zu erhö­hen, erzeug­te aller­dings in der sich anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on bei einem klei­nen Teil der Anwe­sen­den recht durch­schau­ba­re Pole­mi­ken gegen sub­ven­tio­nier­te Hoch­kul­tur. Hier tut der bdpm gut dar­an, kei­ne Neid­de­bat­te zu füh­ren und sei­ne For­de­run­gen nach Teil­ha­be an staat­li­cher För­de­rung ohne Spreng­sät­ze gegen bestehen­de Kul­tur­be­rei­che zu erhe­ben.
Recht emo­tio­nal wur­de auch in der Podi­ums­dis­kus­si­on „Online­mu­sik­schu­len: Zukunft oder Sack­gas­se?“ debat­tiert. Einen schwe­ren Stand hat­ten Ole­na und Kon­stan­tin Kute­pov, Betrei­be­rIn­nen von musikschuleonline.com, die sich gegen mas­si­ve Vor­wür­fe zur Wehr set­zen muss­ten. Für vie­le Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen ist die Vor­stel­lung, Unter­richt und sogar musi­ka­li­sche Früh­erzie­hung via Sky­pe anzu­bie­ten, noch immer indis­ku­ta­bel. Erst all­mählich kamen auch aus­glei­chen­de Stim­men zu Wort, die sich an zurück­lie­gen­de Dis­kus­sio­nen erin­ner­ten, bei denen die bdpm-Musik­schu­len die­je­ni­gen waren, die „am Pran­ger stan­den“. Die Zukunft wird zei­gen, inwie­weit Online-Unter­richt sich durch­set­zen und zu einem erfolg­rei­chen Geschäfts­mo­dell wer­den kann.
Auch der bdpm selbst hat als Ver­band eini­ge wich­ti­ge Wei­chen für sei­ne Zukunft gestellt. So wur­de in Han­no­ver die Ver­schmel­zung des Bun­des­ver­bands deut­scher Pri­vat­mu­sik­schu­len (bdpm) mit dem Euro­päi­schen Kla­vier-, Key­board- und Orgel­leh­rer­ver­band (EKOL) beschlos­sen. Noch wich­ti­ger: Der bdpm wird dem­nächst unter neu­em Namen als Bun­des­ver­band der frei­en Musik­schu­len (bdfm) fir­mie­ren und sieht sich als Dach­ver­band aller frei­en Musik­schu­len in Deutsch­land. Eine Ent­schei­dung, die ange­sichts einer sich neu erge­ben­den Mit­glie­der­struk­tur von gro­ßer Trag­wei­te ist (sie­he dazu auch unser Inter­view mit Mario Mül­ler, Bun­des­vor­sit­zen­der des bdpm, auf Sei­te 38).
„Musik­schu­le 2020“ – schon in naher Zukunft wird sich zei­gen, ob die Neu­aus­rich­tung des bdpm die vom Ver­band gewünsch­ten Früch­te tra­gen und mög­lichst vie­len Men­schen per­sön­lich tief­grei­fen­de Erleb­nis­se mit Musik ermög­li­chen wird: „Das ist live, das ist schön!“

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