Dartsch, Michael / Govinda Wroblewsky

Wie geht es ihnen?

Einblicke in eine Alumni-Studie des Netzwerks Musikhochschulen zum künstlerisch-pädagogischen Studium

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 5/2020 , Seite 16

Die Alumnibefragung des Netzwerks Musikhochschulen ist eine umfassende Studie zum Verbleib von AbsolventInnen der deutschen Musikhochschulen und wurde auf Betreiben der im Netzwerk verbundenen Hochschulen entwickelt. Sie berücksichtigt sowohl alle an den Musikhochschulen angebotenen Studienbereiche als auch die Spezifika des Musikstudiums und die Besonderheiten der Erwerbsbiografien von MusikerInnen. Das Befragungsinstrument ist mit ExpertInnen aus den Musikhochschulen entwickelt worden. Die Alumnibefragung ist als ein kooperatives Projekt aller Musikhochschulen angelegt und durchgeführt worden mit dem Ziel, auch hochschulübergreifende Aussagen zur Situation der Musikhochschul-AbsolventInnen treffen zu können.

Grund­la­ge die­ses Bei­trags ist eine Fra­ge­bo­gen­stu­die an elf deut­schen Musik­hoch­schu­len, die vom Netz­werk Musikhochschulen1 im Jahr 2018 durch­ge­führt wur­de. Unter den ange­schrie­be­nen Absol­ven­tIn­nen ver­schie­de­ner Stu­di­en­gän­ge befan­den sich 412 Per­so­nen, die ein künst­le­risch-päd­ago­gi­sches Stu­di­um absol­viert hat­ten.
Unge­fähr 28 Pro­zent der Ange­schrie­be­nen sand­ten den Bogen zurück; 98 Absol­ven­tIn­nen hat­ten Instru­men­tal- oder Gesangs­päd­ago­gik (IGP) stu­diert, 16 Ele­men­ta­re Musik­päd­ago­gik (EMP).2 Im Fol­gen­den bezieht sich der Bei­trag auf die­se bei­den Grup­pen (N = 114), die hier meist zusam­men­ge­fasst dar­ge­stellt wer­den. Die Stu­di­en­ab­schlüs­se lagen zwi­schen dem Win­ter 2012/13 und dem Som­mer 2015. Etwa die Hälf­te der Befrag­ten hat­te noch einen Diplom­stu­di­en­gang stu­diert, die ande­ren hat­ten bereits einen Bache­lor- oder Mas­ter­ab­schluss erwor­ben. Stu­die­ren­de aus Deutsch­land sowie der EU sind in den Daten im Ver­gleich zu den Zah­len bei allen Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten etwas über­re­prä­sen­tiert. Die Stu­die ermög­licht es erst­mals, Ver­mu­tun­gen zu Moti­ven, Beschäf­ti­gun­gen und Zufrie­den­heit auf der Basis von Daten zu über­prü­fen.

Die Stu­di­en­zeit

Loh­nend ist bereits die Fra­ge, mit wel­chen Moti­ven die dama­li­gen Erst­se­mes­ter ihr Stu­di­um begon­nen hat­ten. Die stärks­te Zustim­mung („sehr wich­tig“ und „wich­tig“) fand das Motiv, sei­nem Talent nach­zu­ge­hen (94%), es folg­ten die Moti­ve, sich künst­le­risch aus­zu­drü­cken (84%) und päd­ago­gisch zu han­deln (66%). Letz­te­res ist also durch­aus ein wich­ti­ges Motiv zu Stu­di­en­be­ginn. Mehr als zwei Drit­tel (68%) geben an, im Stu­di­um regel­mä­ßig gear­bei­tet zu haben. Dass man über­haupt nicht gear­bei­tet hat, kommt bei den EMP-Stu­die­ren­den gar nicht, bei den IGP-Stu­die­ren­den nur in 7% der Fäl­le vor. Bei fast 90% der Befrag­ten han­delt es sich um eine künst­le­risch-päd­ago­gi­sche Arbeit, 56% gehen auch künst­le­ri­schen Tätig­kei­ten nach und jeweils etwa 10% lei­ten ein Ensemb­le (Chor/Orchester) oder arbei­ten wis­sen­schaft­lich. Es zeigt sich, dass der Ein­stieg in die Berufs­tä­tig­keit bereits im Stu­di­um erfolgt und dass auch Kon­zer­tie­ren neben dem Unter­rich­ten dabei sei­nen Platz hat.
45% der Befrag­ten aus der IGP und der EMP gaben an, noch min­des­tens ein wei­te­res Stu­di­um auf­ge­nom­men zu haben (n = 50), zumeist mit künst­le­ri­scher Aus­rich­tung. Ins­ge­samt 14% stu­dier­ten noch zwei und eine Per­son sogar drei wei­te­re Stu­di­en­gän­ge. Rund zwei Drit­tel der Mehr­fach­stu­die­ren­den wol­len mit den wei­te­ren Stu­di­en ihre Chan­cen auf dem Arbeits­markt ver­bes­sern, noch häu­fi­ger aber wird als Motiv das fach­li­che Inter­es­se (77%) und die künst­le­ri­sche Wei­ter­ent­wick­lung (70%) genannt.
Auch die Berufs­zie­le der Stu­die­ren­den haben sich wei­ter­ent­wi­ckelt: Zu Stu­di­en­be­ginn wur­de mit hauch­dün­nem Vor­sprung am häu­figs­ten (72%) das Ziel der Künst­le­rin und des Künst­lers ange­strebt, fast genau­so häu­fig aller­dings (69%) das der Päd­ago­gin und des Päd­ago­gen, ganz sel­ten schließ­lich (2%) eine Wis­sen­schafts­kar­rie­re. Beim Stu­di­en­ab­schluss hat­te die Päd­ago­gik, die dann von unge­fähr drei Vier­teln ange­strebt wur­de, das Künst­le­ri­sche bereits über­holt. Zum Befra­gungs­zeit­punkt ist das Künst­le­ri­sche als Berufs­ziel auf 67% gesun­ken, wäh­rend die Päd­ago­gik auf 77% und die Wis­sen­schaft auf immer­hin 9% ange­stie­gen ist. Eine genaue­re Ana­ly­se zeigt, dass sich 44% einen Beruf als Künst­le­rIn und gleich­zei­tig auch als Päd­ago­gIn wün­schen, die rei­ne Päd­ago­gik stre­ben knapp 30%, das rein Künst­le­ri­sche 17,5% an. Die Nomen­kla­tur künst­le­risch-päd­ago­gisch ent­spricht dem Selbst­ver­ständ­nis der Absol­vie­ren­den also recht gut.

Die Arbeit eini­ge Jah­re spä­ter

Der Abschluss der Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten lag zum Zeit­punkt der Befra­gung höchs­tens fünf­ein­halb und min­des­tens drei Jah­re zurück. Natür­lich war es von Inter­es­se zu erfah­ren, wel­chen Tätig­kei­ten sie inzwi­schen nach­ge­hen. 87% (N = 88) der 101 gül­ti­gen Fäl­le geben an, aktu­ell erwerbs­tä­tig zu sein. Von die­sen berich­te­ten 45% von einer unbe­fris­te­ten Anstel­lung, wei­te­re 11% von einer befris­te­ten Anstel­lung, gut 42% sind frei­be­ruf­lich bzw. als Hono­rar­kraft tätig. Über die Hälf­te der Erwerbs­tä­ti­gen gibt an, in Teil­zeit zu arbei­ten. Etwa 13% geben an, nicht erwerbs­tä­tig zu sein. Rund 7% der Ant­wor­ten ent­fal­len auf Fami­li­en­ar­beit oder Eltern­zeit und 6% auf Arbeits­su­che, davon sind nur vier Per­so­nen aus­schließ­lich arbeits­su­chend.
Ins­ge­samt zeigt sich ein star­ker Trend zu Berufs­mo­sai­ken: Bei der Fra­ge, ob man der­zeit eine oder meh­re­re Tätig­kei­ten aus­übe, ent­fal­len zwei Drit­tel der gül­ti­gen Ant­wor­ten auf die Opti­on meh­re­rer Tätig­kei­ten. Die häu­figs­te Erwerbs­tä­tig­keit ist der Unter­richt an einer Musik­schu­le, was von 38% der Erwerbs­tä­ti­gen (N = 82) ange­kreuzt wird. Mit 17% wird der Beruf der Pri­vat­lehr­kraft ver­gleichs­wei­se sel­te­ner ange­ge­ben, jedoch wird die­se Tätig­keit mit 16% in zwei­ter und noch mit 9% in drit­ter Tätig­keit aus­ge­übt. Die rest­li­chen Ant­wor­ten rei­chen von rein künst­le­ri­schen Beru­fen bis hin zur all­ge­mein­bil­den­den Schu­le und ande­ren päd­ago­gi­schen Insti­tu­tio­nen. Die Ergeb­nis­se las­sen erken­nen, dass ein künst­le­risch-päd­ago­gi­sches Stu­di­um heu­te nicht line­ar in die Musik­schul­ar­beit mün­det, dass die­se aber immer noch das bedeutends­te Berufs­feld dar­stellt.
Unter den­je­ni­gen, die Aus­kunft über ihr Ein­kom­men geben, beträgt der durch­schnitt­li­che Brut­to-Monats­lohn gut 2000 Euro. Aller­dings liegt nur für rund 62% aller 114 aus IGP und EMP Befrag­ten die ent­spre­chen­de Sum­me vor. Die durch­schnitt­li­che Ant­wort auf die Fra­ge nach der Zufrie­den­heit mit dem bis­lang erziel­ten Ein­kom­men lau­tet „teils, teils“, wäh­rend sie für die aktu­el­le beruf­li­che Situa­ti­on ins­ge­samt im Bereich „zufrie­den“ liegt. Fast ein Vier­tel ist mit der aktu­el­len beruf­lichen Situa­ti­on sogar „sehr zufrie­den“, zusam­men mit denen, die „zufrie­den“ wäh­len, kommt man auf knapp zwei Drit­tel Zufrie­de­ne und sehr Zufrie­de­ne. Etwa ein Vier­tel wählt „teils, teils“, 9% sind „unzu­frie­den“ und nur 1% ist „sehr unzu­frie­den“.

Die Zufrie­den­heit mit dem Stu­di­um

Die meis­ten Befrag­ten stel­len dem Stu­di­um im Nach­hin­ein ein gutes Zeug­nis aus. 33% sind nach eige­ner Aus­kunft „sehr zufrie­den“, 46% sind „zufrie­den“ damit. Die Grup­pe der EMP ist ins­ge­samt so klein, dass Ver­glei­che zu Ergeb­nis­sen füh­ren, bei denen man nicht aus­schlie­ßen kann, dass sie zufäl­lig zustan­de gekom­men sind. In der EMP-Grup­pe sind jeden­falls 53% „sehr zufrie­den“, wäh­rend es bei der IGP 30% sind. Unter den IGP-Stu­di­en­gän­gen fällt auf, dass Bache­lor und Mas­ter deut­lich bes­ser beur­teilt wer­den als die älte­ren Diplom­stu­di­en­gän­ge. Unter den 45 Dip­lomen gibt es immer­hin 2% sehr Unzu­frie­de­ne und 7% Unzu­frie­de­ne sowie 24%, die „teils, teils“ ankreu­zen, ins­ge­samt kommt also ein Drit­tel nicht zu einer posi­ti­ven Bewer­tung. Dem­ge­gen­über wer­den die Kate­go­ri­en „sehr unzu­frie­den“ und „unzu­frie­den“ in der Grup­pe von Bache­lor (n = 24) und Mas­ter (n = 21) gar nicht gewählt. „Teils, teils“ kreu­zen beim Bache­lor 13% und beim Mas­ter 10% an. Dies lässt hof­fen, dass die Refor­men im Zuge der Bolo­gna-Reform zu Stu­di­en­gän­gen geführt haben, mit denen die Stu­die­ren­den im Ver­gleich zu vor­her ein gutes Stück zufrie­de­ner sind. Die grö­ße­re Zufrie­den­heit färbt sogar auf das Haupt­fach ab, denn auch hier­für ergibt sich eine deut­lich höhe­re durch­schnitt­li­che Zufrie­den­heit als beim Diplom.
Mit den Prak­ti­ka, dem Stu­di­en­kli­ma und der Ver­wal­tung ist die Grup­pe der EMP am zufrie­dens­ten. Im Fal­le der Prak­ti­ka könn­te viel­leicht die Tat­sa­che eine Rol­le spie­len, dass die­se in der EMP manch­mal nicht an Musik­schu­len, son­dern mit Grup­pen an der Hoch­schu­le selbst durch­ge­führt und somit von Hoch­schul­do­zie­ren­den betreut wer­den. Auch die Mög­lich­kei­ten, eige­ne Ide­en zu ent­wi­ckeln, sich päd­ago­gisch zu ent­wi­ckeln und indi­vi­du­el­le Schwer­punk­te zu set­zen, wer­den von der Grup­pe der EMP höher ein­ge­schätzt als bei der IGP. Aber auch hier muss auf die gerin­ge Grö­ße der EMP-Grup­pe ver­wie­sen wer­den. Wäh­rend schließ­lich in der Grup­pe der IGP und der EMP 80% dem Stu­di­um beschei­ni­gen, dass es Mög­lich­kei­ten ließ, sich künst­le­risch zu ent­wi­ckeln, stim­men bezüg­lich der päd­ago­gi­schen Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten nur 64% der Befrag­ten voll zu oder zu.
Über die Hälf­te der befrag­ten Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten der IGP und der EMP beja­hen, dass die im Stu­di­um erwor­be­nen Kom­pe­ten­zen für die beruf­li­chen Anfor­de­run­gen geeig­net sind. Nimmt man die­je­ni­gen dazu, die „trifft eher zu“ wäh­len, ten­die­ren ins­ge­samt fast drei Vier­tel dazu, die erwor­be­nen Kom­pe­ten­zen für geeig­net zu hal­ten. Ein gutes Vier­tel hin­ge­gen sieht dies anders, wobei 18% „teils, teils“ und 8% „trifft eher nicht zu“ ankreu­zen.
Neben einer sol­chen glo­ba­len Abfra­ge ist die Beur­tei­lung ein­zel­ner Aspek­te des Stu­di­ums auf­schluss­reich: Beson­ders gut wer­den das Stu­di­en­kli­ma und die per­sön­li­che Betreu­ung bewer­tet, immer noch sehr gut fällt das Urteil über die Stu­dier­bar­keit aus. Etwas weni­ger eupho­risch wird über die fach­li­che Betreu­ung und die Lehr­qua­li­tät geur­teilt, die im guten Bereich lie­gen. Dicht dahin­ter folgt die Ein­schät­zung der Betreu­ung und Kom­mu­ni­ka­ti­on von Sei­ten der Ver­wal­tung. Unter den Absol­ven­tin­nen und Absol­ven­ten eines Mas­ters und ins­be­son­de­re eines Diploms in IGP sind pro­zen­tu­al wesent­lich weni­ger Befrag­te „sehr zufrie­den“ mit dem Stu­di­en­kli­ma und der Ver­wal­tung. Am schlech­tes­ten wer­den ins­ge­samt die Prak­ti­ka bewer­tet, hier neigt etwa jede sieb­te Per­son aus der Grup­pe der IGP und der EMP zu einem schlech­ten oder sehr schlech­ten Urteil, im alten Diplom ist es sogar rund die Hälf­te. Dies zeigt, dass vor allem hier Ver­bes­se­run­gen erreicht wor­den sind, aber auch noch anzu­stre­ben wären.

Fazit

Zum Abschluss noch ein­mal eini­ge zen­tra­le Ergeb­nis­se:
– Die Päd­ago­gik stellt ein wich­ti­ges Motiv und Berufs­ziel in der IGP und der EMP dar. Es han­delt sich hier also nicht um „ver­hin­der­te“ Künst­le­rin­nen und Künst­ler.
– Dane­ben spielt aber auch das Künst­le­ri­sche eine gro­ße Rol­le: Es wird im Stu­di­um schon als Arbeit aus­ge­übt und stellt auch spä­ter eine Facet­te der Berufs­tä­tig­keit dar.
– Der Berufs­ein­stieg erfolgt für die meis­ten bereits im Stu­di­um.
– Vie­le erwer­ben meh­re­re Abschlüs­se.
– Der Beruf ist häu­fig ein per­sön­li­ches Mosa­ik aus ver­schie­de­nen Tätig­kei­ten.
– Die Musik­schu­le stellt ein wich­ti­ges Arbeits­feld dar.
– Dane­ben aber mün­det das Stu­di­um für nicht weni­ge auch in ande­re Berufs­bil­der.
– Mit der gene­rel­len beruf­li­chen Situa­ti­on ist man im Durch­schnitt zufrie­den.
– Mit dem Ein­kom­men ist man im Durch­schnitt weder zufrie­den noch unzu­frie­den.
– Das Stu­di­um wird im Rück­blick über­wie­gend posi­tiv beur­teilt.
– Bache­lor- und Mas­ter-Stu­di­en wer­den deut­lich bes­ser bewer­tet als die alten Diplom-Stu­di­en­gän­ge.
– Die künst­le­ri­schen Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten wer­den höher ein­ge­schätzt als die päd­ago­gi­schen.
– High­lights sind die per­sön­li­che Betreu­ung und das Stu­di­en­kli­ma.
– Als durch­schnitt­lich gut, aber nicht sehr gut, wer­den die Lehr­qua­li­tät und die Betreu­ung durch die Ver­wal­tung ein­ge­stuft.
– Schluss­licht in der Bewer­tung sind die Prak­ti­ka.

1 www.netzwerk-musikhochschulen.de
2 Die im Fol­gen­den genann­ten Pro­zent­wer­te bezie­hen sich jeweils auf die gege­be­nen tat­säch­li­chen, „gül­ti­gen Ant­wor­ten“, dem­nach auf eine leicht vari­ie­ren­de Grund­ge­samt­heit auf­grund von Ant­wort­ver­wei­ge­rung oder Dro­pouts. Bei den meis­ten Fra­gen liegt die Anzahl zwi­schen 114 und etwa 80 Ant­wor­ten, dem­nach sind die Daten aus­sa­ge­kräf­tig.

Lesen Sie wei­te­re Bei­trä­ge in Aus­ga­be 5/2020.