McGregor, Judith
Wie viel Schule braucht es?
Impulse zur (selbst-)kritischen Standortbestimmung von Musikschulen
„Immer mehr Schule, immer mehr Prüfung, immer mehr Leistungsdruck“: So beschreiben InstrumentalpädagogInnen ihre Wahrnehmung von Musikschule. Eine empirische Studie untersucht, wie die Beschäftigung mit Musikvermittlung zu kritischer Reflexion führt und wie Struktur und Freiraum produktiv zusammenwirken können.
Musikvermittlung hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen, auch im Kontext von Musikschulen und Instrumentalpädagogik.1 Diese Entwicklung zeigt sich u. a. daran, dass sich die Musikvermittlung als eigenständiges Berufsfeld etabliert hat – auch für InstrumentalpädagogInnen –, was eng mit dem Trend zu Portfoliokarrieren verbunden ist.2 Das Interesse von InstrumentalpädagogInnen an Fortbildungen und Studiengängen im Bereich Musikvermittlung wächst – so verfügen beispielsweise rund 50 % der Studierenden des Universitätslehrgangs Musikvermittlung an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz über einen instrumentalpädagogischen Hintergrund. Zudem werden Lehrveranstaltungen zu Musikvermittlung vermehrt in die Curricula instrumentalpädagogischer Studiengänge integriert.3
Aus der Praxis sowohl der Instrumentalpädagogik als auch der Musikvermittlung kommend, interessierte mich daher, wie diese beiden Bereiche einander beeinflussen und welche Konsequenzen sich daraus für das professionelle Selbstverständnis von InstrumentalpädagogInnen ergeben. Was verändert sich, wenn Instrumentallehrende sich zusätzlich im Bereich Musikvermittlung qualifizieren? Welche Gründe liegen ihrem Interesse an diesem Feld zugrunde?
Um diese Fragen zu beantworten, führte ich eine empirische Studie mit 16 InstrumentalpädagogInnen aus Österreich und Deutschland durch.4 Ziel war es, Einblick in das Praxiswissen dieser spezifischen Gruppe zu gewinnen und daraus kollektive Orientierungen zu rekonstruieren.5
Was Lehrende berichten
In allen Gruppendiskussionen kristallisierte sich ein Thema heraus, das auch in der Datenauswertung zentrale Bedeutung erlangte. Die PädagogInnen beschreiben eine von ihnen wahrgenommene zunehmende Verschulung: eine wachsende Formalisierung von Musikschulen mit mehr Leistungsdruck (z. B. im Umgang mit teilweise verpflichtenden Prüfungen im österreichischen Kontext).
Eine Person erzählte: „Wir wissen alle, wie die Entwicklung gegangen ist: immer mehr Schule, immer mehr Zeugnis, immer mehr Prüfung, immer mehr Leistungsdruck.“ Die Musikschule erscheint in diesen Aussagen weniger als Raum musikalischer Vielfalt, sondern zunehmend als von quantitativen Bewertungsmaßstäben und Leistungsorientierung geprägte Institution.
Zugleich wird die Relevanz der Musikvermittlung deutlich, wie eine befragte Person schilderte: „Das [die Musikvermittlung] hat mir ein bisschen wieder so diese Buntheit von Musikschule zurückgegeben. Es hat wieder ein bisschen Freiheit gebracht, Freiheit im Tun.“ Musikvermittlung wird hier als Inspirationsquelle und Impulsgeberin verstanden, die zuvor eingeschränkte Vielfalt und pädagogische Handlungsspielräume wieder eröffnet. Für die Lehrenden bedeutete dies eine (Rück-)Besinnung auf den Kern ihrer Arbeit: Die Beschäftigung mit Musikvermittlung lenkte ihren Blick zurück auf jene Aspekte, die ihrer Wahrnehmung nach im Zuge der Verschulung in den Hintergrund getreten waren – nämlich Musikschule als lebendigen Raum kreativer und vielfältiger Praxis zu gestalten.
In der Studie zeigte sich auch, dass die Auseinandersetzung mit Musikvermittlung die PädagogInnen dazu anregte, ihre eigene instrumentalpädagogische Handlungspraxis sowie die institutionellen Bedingungen und die gesellschaftliche Verankerung von Musikschulen kritisch zu hinterfragen. Musikvermittlung fungiert hier als Katalysator für eine Reflexion, die über das eigene Unterrichtshandeln hinausgeht und grundlegende Fragen nach dem Selbstverständnis von Musikschulen aufwirft. Johannes Voit sieht darin ein wesentliches Ziel von Musikvermittlung: „Haltungen von Musiker_innen und Kulturinstitutionen [zu] verändern“ und dabei den Fokus nicht nur „nach außen in die Gesellschaft“, sondern „auch nach innen in die eigene Institution“ zu richten.6
1 Der Begriff „Instrumentalpädagogik“ bzw. „instrumentalpädagogisch“ umfasst stets auch den Begriff „Gesangspädagogik“ bzw. „gesangspädagogisch“.
2 vgl. Berg, Ivo Ignaz: „Üben, Musizieren und Kooperieren. Zum Berufsbild und Selbstverständnis von Lehrenden der Instrumentalpädagogik“, in: Rüdiger, Wolfgang (Hg.): Instrumentalpädagogik – wie und wozu?, Mainz 2018, S. 51-67, hier: S. 55 f.; Smilde, Rineke: Musicians as Lifelong Learners, Delft 2009.
3 Ich beziehe mich auf Curricula österreichischer Musikuniversitäten.
4 Die Studie basiert auf drei Gruppendiskussionen, ausgewertet mittels dokumentarischer Methode. Anzumerken ist, dass sich die institutionellen Rahmenbedingungen in beiden Ländern teils erheblich unterscheiden. Während in Österreich Musikschulgesetze existieren, herrschen in Deutschland andere strukturelle und arbeitsrechtliche Bedingungen. Trotz dieser Unterschiede zeigten sich vergleichbare Wahrnehmungen bezüglich der diskutierten Spannungsfelder.
5 vgl. McGregor, Judith: Musikvermittlung im instrumentalpädagogischen Kontext. Zur Rekonstruktion eines kollektiven professionellen Selbstverständnisses, Dissertation, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien 2024.
6 Voit, Johannes: „Begründungsfiguren und -diskurse der Musikvermittlung,“ in: Petri-Preis, Axel/Voit, Johannes (Hg.): Handbuch Musikvermittlung, Bielefeld 2023, S. 37-42, hier: S. 41 f.
Lesen Sie weiter in Ausgabe 3/2026.


