Doerne, Andreas

Wir sind stolz auf unser Betriebsklima

Dieter Fahrner, Leiter der Musikschule Weil am Rhein, erläutert im Gespräch, wie sich Musikschulunterricht verbessern lässt

Rubrik: Gespräch
erschienen in: üben & musizieren 6/2010 , Seite 44

Dieter Fahrner studierte Trompete (Orchester­musik und Pädagogik) an der Musikhoch­schule Karlsruhe. Neben seiner Tätigkeit als Komponist, Arrangeur, Blasorchesterdirigent und Seminarleiter für Blechbläsermethodik und Musikproduktion am Computer leitet er seit 1985 die Städtische Musikschule Weil am Rhein. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Entwicklung der Unterrichts­formen und der Selbstevaluation. Mittler­weile wird Dieter Fahrner von Verbänden und zahlreichen Musikschulen zu Fort­bildungen ein­geladen.

Lie­ber Die­ter, du hast an der Musik­schu­le Weil am Rhein ein bun­des­weit ein­ma­li­ges Pro­jekt zur Qua­li­täts­ent­wick­lung eures Unter­richts ein­ge­führt. Kannst du kurz skiz­zie­ren, wie es dazu kam?
Begon­nen haben wir mit die­sem Pro­jekt bereits im Jahr 2003. Die wesent­li­chen Aus­lö­ser waren die all­ge­mei­ne Umbruch­si­tua­ti­on in der deut­schen Päd­ago­gik nach PISA, unser Ansin­nen, uns klar als Bil­dungs­in­sti­tu­ti­on zu legi­ti­mie­ren (um nicht län­ger der kür­zungs­an­fäl­li­gen Kul­tur zuge­ord­net zu wer­den) und die Initia­ti­ve JeKi.
Da wir davon aus­gin­gen, dass JeKi frü­her oder spä­ter bun­des­weit greift, woll­ten wir in unse­rer Musik­schu­le früh­zei­tig die not­wen­di­gen päd­ago­gi­schen Vor­aus­set­zun­gen schaf­fen und räum­ten der Päd­ago­gik – also dem Unter­richt als Kern­ge­schäft – obers­te Prio­ri­tät ein. Wir beschäf­tig­ten uns inten­siv mit unse­rer päd­ago­gi­schen Kom­pe­tenz, erar­bei­te­ten aber nicht nur Kon­zep­te umfas­sen­den Unter­rich­tens, son­dern stell­ten auch das Ler­nen unse­rer Schü­ler – also die För­de­rung ihrer Selbst- und Metho­den­kom­pe­tenz – in den Mit­tel­punkt. Unse­re Schü­ler soll­ten in die Lage ver­setzt wer­den, ihr musi­ka­li­sches Ler­nen weit­ge­hend selbst zu steu­ern. Die zwei­te inhalt­li­che Säu­le unse­res Pro­jekts war, die Güte von Unter­richt objek­tiv bewert­bar zu machen. Was guter Unter­richt ist, soll­te nicht län­ger sub­jek­tiv bestimmt, son­dern an Qua­li­täts­stan­dards aus der inter­nationalen Unter­richts­for­schung fest­ge­macht werden.

Wie geht ihr dabei kon­kret vor?
Wir haben ein Ver­fah­ren der kol­le­gia­len Unterrichts­hospitation ent­wi­ckelt und insti­tu­tio­na­li­siert. Auf der ers­ten Ebe­ne wird Selbst­eva­lua­ti­on prak­ti­ziert. Jede Lehr­kraft setzt sich in Ein­zel­ar­beit mit ihrem eige­nen Unter­richt aus­ein­an­der – sieht sich „im stil­len Käm­mer­lein“ Video­auf­nah­men an, nimmt ihren Unter­richt dabei bewusst wahr, reflek­tiert ihn selbst­kri­tisch, bewer­tet ihn auf der Grund­la­ge unse­rer spe­zi­ell ent­wi­ckel­ten Güte­richt­li­ni­en, den „12 Merk­ma­len guten Unter­richts“, und erstellt dar­über für sich ein per­sön­li­ches Stär­ke-Schwä­che-Pro­fil. Im Lau­fe die­ser „Ist-Soll-Abglei­chung“ kom­men Defi­zi­te zum Vor­schein, wel­che über das an­schließende For­mu­lie­ren und Ver­fol­gen indi­vi­du­el­ler Lern­zie­le suk­zes­si­ve auf­ge­ar­bei­tet werden.
Auf der zwei­ten Ebe­ne brin­gen unse­re Lehr­kräf­te ihre indi­vi­du­ell gewon­ne­nen Erkennt­nis­se mit­tels der kol­le­gia­len Unter­richts­hos­pi­ta­ti­on ins Kol­le­gi­um ein.
In gegen­sei­ti­ger fächer­über­grei­fen­der Unter­richts­be­ob­ach­tung erwei­tert jede Lehr­per­son ihre Selbst­wahr­neh­mung, indem sie mit der Fremd­wahr­neh­mung der Hos­pitationspartner kon­fron­tiert wird und ein dezi­dier­tes Feed­back erhält, sowohl hin­sicht­lich ihrer „blin­den Fle­cken“ bzw. Schwä­chen als auch ihrer „blin­den Stär­ken“. Dabei wer­den wie­der­um die 12 Merk­ma­le guten Unter­richts auf den Ist-Stand der vor­lie­gen­den Unter­richts­pra­xis hin reflektiert.
Metho­disch gehen wir dabei wie folgt vor: Vor der Hos­pitation lege ich als Musik­schul­lei­ter Beob­ach­tungs­schwer­punk­te fest: Wie wird z. B. das selbst­stän­di­ge Ler­nen der Schü­le­rin­nen und Schü­ler geför­dert? Wel­che arbeits­tei­li­gen Unter­richts­me­tho­den wer­den prak­ti­ziert? etc. Dar­auf­hin bil­den die Kol­le­gen Drei­er­grup­pen, das heißt immer zwei hos­pi­tie­ren im Unter­richt eines Drit­ten – Drei­er­grup­pen des­halb, weil eine Pola­ri­sie­rung der Mei­nun­gen bzw. rei­ne Recht­fer­ti­gungs­dia­lo­ge ver­mie­den wer­den sollen.
Wäh­rend der Hos­pi­ta­ti­on beob­ach­ten die Hos­pi­tie­ren­den den Unter­richts­ab­lauf genau und pro­to­kol­lie­ren die­sen schrift­lich, denn nur auf­grund schrift­li­cher Auf­zeich­nun­gen ist es mög­lich, die eige­nen Beob­ach­tun­gen gegen­über dem unter­rich­ten­den Kol­le­gen spä­ter voll­stän­dig und ange­mes­sen kund­zu­tun. Nach der Hos­pi­ta­ti­on wird ein Feed­back­ge­spräch geführt, in des­sen Fol­ge die Feed­back emp­fan­gen­de Lehr­kraft per­sön­li­che Lern­zie­le für ihre wei­te­re Unter­richts­op­ti­mie­rung for­mu­liert. Schließ­lich erfolgt wäh­rend des ein­mal jähr­lich statt­fin­den­den Päd­ago­gi­schen Tages eine Nach­be­rei­tung der Hos­pi­ta­ti­ons­er­geb­nis­se im Ple­num des gesam­ten Kol­le­gi­ums. Die­se Nach­be­rei­tung ist zugleich Vor­be­rei­tung für die nächs­te Hospitationsphase.

Wie hat das Kol­le­gi­um zu Beginn auf die Idee einer gegen­sei­ti­gen Unter­richts­hos­pi­ta­ti­on zwecks Ent­wick­lung der Unter­richts­qua­li­tät reagiert? Wie sieht das heu­te aus?
Den ers­ten Initia­ti­ven zur selbst­kri­ti­schen Hin­ter­fra­gung unse­res Unter­richts begeg­ne­te man anfangs mit Skep­sis (viel­leicht war man auch ängst­lich). Nur weni­ge Lehr­kräf­te waren dazu bereit, die eige­ne Zim­mer­tür zu öff­nen und so ihren Unter­richt trans­pa­rent zu machen. Die­se „Pio­nie­re“ haben wesent­lich dazu bei­getra­gen, dass sich dann im Lau­fe der Zeit vie­les gra­vie­rend ändern konn­te. Heu­te zeigt sich unser gesam­tes Kolle­gium neu­en Ideen gegen­über auf­ge­schlos­sen, man hat gelernt, Neu­es gemein­sam zu ent­wi­ckeln und zu er­proben. Als Schul­lei­ter habe ich sämt­li­che Sta­di­en des Ent­wick­lungs­pro­zes­ses selbst durch­lau­fen. Dies ver­setz­te mich nicht nur in die Lage, aus per­sön­li­cher Erfah­rung nach­voll­zie­hen zu kön­nen, vor wel­chen gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen mei­ne Kol­le­gen stan­den. Seit­her gelingt es mir auch, Zie­le und Ansprü­che an unse­re „Labor­ar­beit“ ange­mes­se­ner zu for­mu­lie­ren und viel Ver­ständ­nis für alle mög­li­chen Begleit­erschei­nun­gen auf­zu­brin­gen. An unse­re Vor­ha­ben gehen wir heu­te gemein­sam her­an, mit gedank­li­cher Gründ­lich­keit, mit Offen­heit und Tole­ranz im Umgang mit­ein­an­der, denn wir wol­len mit unse­ren Model­len musikpädago­gisch fun­diert und für die Musik­schul­sze­ne richtungs­weisend wirken.

Wenn du von Qua­li­täts­ent­wick­lung sprichst, was genau wollt ihr an eurem Unter­richt ver­än­dern bzw. weiterentwickeln?
Im All­ge­mei­nen legen wir beson­de­ren Wert auf Pro­fes­sio­na­li­tät, indem wir uns an den Erkennt­nis­sen der päd­ago­gi­schen Bezugs­wis­sen­schaf­ten ori­en­tie­ren. Neh­men wir die Unter­richts­in­sze­nie­rung. Die­se soll aus­drück­lich nicht belie­big sein: Im Groß­grup­pen­un­ter­richt müs­sen bis zu acht ein­zel­ne Schü­ler zur Grup­pe mobi­li­siert wer­den, in der sie als inter­ak­ti­ves Netz­werk agie­ren. Dies erfor­dert spe­zi­fi­sches methodisches/ fach­di­dak­ti­sches Han­deln. Die ent­spre­chen­den Kom­petenzen muss man sich expli­zit erwer­ben. Auch den Typus von Ein­zel­un­ter­richt, wo sich ein Schü­ler vom alles len­ken­den Leh­rer per­ma­nent an die Hand neh­men lässt, wol­len wir überwinden.
Der zen­tra­le Teil unse­res Qua­li­täts­ma­nage­ments ist die von mir bereits erwähn­te Selbst­eva­lua­ti­on mit den von Anselm Ernst for­mu­lier­ten „12 Merk­ma­len guten Un­terrichts“. Die Merk­ma­le die­nen uns als theo­re­ti­sches Ori­en­tie­rungs­mo­dell, auf des­sen Grund­la­ge wir ope­ra­tio­na­li­sier­ba­re, das heißt pra­xis­na­he und kon­kre­te Hand­lungs­emp­feh­lun­gen erstel­len kön­nen. Die Güte­richt­li­ni­en betrach­ten wir nicht als in Stein gemei­ßelt, son­dern in dem Sin­ne als ver­än­der­bar, als dass die fort­schrei­ten­den Erkennt­nis­se aus unse­rem Unter­richt per­ma­nent dar­in ver­an­kert wer­den. Die wün­schens­wer­te ein­heit­li­che Unter­richts­qua­li­tät ent­steht jeden­falls nicht von selbst, sie ist nur mit­tels einer „gebun­de­nen“ Unter­richts­be­ob­ach­tung und Bewer­tung zu errei­chen – das heißt, was guter Unter­richt ist, muss an objek­ti­ven Merk­ma­len fest­ge­macht werden.

Momen­tan kannst du dich vor Anfra­gen für Fort­bil­dun­gen im Bereich Qua­li­täts­ent­wick­lung an Musik­schu­len nicht ret­ten, obwohl du nir­gend­wo dafür Wer­bung betreibst. Wor­in genau besteht die­ses der­zei­ti­ge Unbe­ha­gen an der Musik­schul­kul­tur, des­sen Fol­ge offen­bar die­se star­ke Nach­fra­ge ist?
Beim ver­gan­ge­nen VdM-Kon­gress in Ber­lin prä­sen­tier­te ich unter ande­rem unser Modell der „Unterrichtsqua­litätsentwicklung an Musik­schu­len“. Die Reso­nanz dar­auf war über­wäl­ti­gend. Seit­her wer­de ich sehr oft ein­ge­la­den, um inter­es­sier­ten Musik­schu­len unser Kon­zept in Fort­bil­dun­gen zu erläu­tern. Aus die­ser Erfah­rung her­aus kann ich sagen, dass im Zusam­men­hang mit den über­all in Gang kom­men­den Grund­schul­ko­ope­ra­tio­nen gewis­se Kom­pe­tenz­män­gel bestehen – meist bezüg­lich der Metho­dik des Groß­grup­pen­un­ter­richts. Mög­li­chem Unbe­ha­gen dar­über kann man aber aktiv han­delnd ent­ge­gen­tre­ten. Dazu ermu­ti­ge ich in mei­nen Fort­bil­dun­gen, indem ich kon­kre­te Pra­xis-Bei­spie­le für einen umfas­sen­den, bil­dungs­wirk­sa­men Musi­zier­un­ter­richt unter­brei­te und mit den Teil­neh­mern die Grund­la­gen der Unter­richts­hos­pi­ta­ti­on erar­bei­te. Ich möch­te auch dazu bei­tra­gen, dass den Unter­rich­ten­den die Bedeu­tung ihres Enga­ge­ments für mehr Unter­richts­qua­li­tät im Hin­blick auf ihre mate­ri­el­le Exis­tenz­si­che­rung und psy­chi­sche Berufs­zu­frie­den­heit bewusst wird. Vie­le Musik­schu­len und Lehr­kräf­te wol­len inzwi­schen ihren Unter­richt ver­bes­sern und betei­li­gen sich an einem ent­spre­chen­den Qua­li­fi­zie­rungs­pro­zess, des­halb wid­me ich mich mei­ner Fort­bil­dungs­tä­tig­keit sehr ger­ne und mit wach­sen­der Begeisterung.

Was müsst ihr durch eure Qualitätsentwicklungs­maßnahmen nach­ho­len, was die Musik­hoch­schu­len ver­säu­men, ihren Stu­die­ren­den an Qua­li­fi­ka­ti­on mit auf den Weg zu geben?
Auf­grund mei­ner Pra­xis­er­fah­run­gen sehe ich kei­nen Grund, mich an der gele­gent­lich zu ver­neh­men­den Kri­tik von Musik­schul­sei­te an den Musik­hoch­schu­len zu betei­li­gen. Mei­ne Zusam­men­ar­beit mit der Hoch­schu­le für Musik in Frei­burg – mit Anselm Ernst und jetzt mit dir – beur­tei­le ich im Ergeb­nis als sehr konst­ruktiv. Auf der Basis einer ange­mes­se­nen gegen­sei­ti­gen Erwar­tungs­hal­tung arbei­ten wir seit Jah­ren in enger Koope­ra­ti­on sehr ziel­ge­rich­tet, direkt und offen zusam­men – mit einem hohen bei­der­sei­ti­gen Nut­zen: Unse­re Unter­richts­ar­beit wird durch wert­vol­le Impul­se nach­hal­tig berei­chert, die Hoch­schu­le pro­fi­tiert durch die Mög­lich­keit, ihre päd­ago­gi­schen Kon­zep­te in der Musik­schu­le auf Pra­xis­taug­lich­keit hin zu untersuchen.
Zur Ent­wick­lung der erfor­der­li­chen Kom­pe­ten­zen hin­sichtlich der Bewäl­ti­gung der aktu­el­len Bil­dungs­of­fen­si­ven (wie JeKi in Nord­rhein-West­fa­len oder Sin­gen-Bewe­gen-Spre­chen in Baden-Würt­tem­berg) müs­sen wohl bei­de bei­tra­gen – sowohl die Musik­schu­len als auch die Musik­hoch­schu­len. Ich konn­te mich bereits mehr­fach davon über­zeu­gen, dass unter den Hoch­schul­ab­gän­gern bereits Bache­lor-Absol­ven­ten über genü­gend päd­ago­gi­sche Grund­la­gen ver­fü­gen, um die Musik­schul-Anfor­de­run­gen bewäl­ti­gen zu können.
Die in der Hoch­schu­le erwor­be­nen Fähig­kei­ten rei­chen natür­lich kei­nes­falls aus, um ein gesam­tes Arbeits­leben damit bestrei­ten zu kön­nen. So ist es aus mei­ner Sicht drin­gend gebo­ten, dass auch wir Musik­schu­len in Sachen päd­ago­gi­sche Pro­fes­sio­na­li­sie­rung per­ma­nent Per­so­nal­ent­wick­lung betrei­ben. Wir kön­nen ein funk­tionstüchtiges Qua­li­täts­ma­nage­ment instal­lie­ren und in des­sen Rah­men jeden Mit­ar­bei­ter dazu ermu­ti­gen, sei­ne Fähig­kei­ten auf die jewei­li­gen Pra­xis­an­for­de­run­gen hin stän­dig selbst zu über­prü­fen und gege­be­nen­falls anzu­pas­sen. Denn unter der Maß­ga­be eines objek­tiv guten Unter­richts ist unser päd­ago­gi­sches Hand­werk höchst anspruchs­voll und erfor­dert des­halb von allen Betei­lig­ten eine ent­spre­chend verantwort­liche inne­re Haltung.

Mein Ein­druck vom Päd­ago­gi­schen Tag an eurer Musik­schu­le war sehr posi­tiv vor allem in Bezug auf die spür­bar gute Atmo­sphä­re unter den Kol­le­gen. Mir schien, dass sich alle alles sagen konn­ten. Siehst du das auch so? Wenn ja, was ist das Geheim­nis eines guten Betriebs­kli­mas an einer Musikschule?
Unser Betriebs­kli­ma ist als eine gemein­sa­me Errun­gen­schaft der Schul­lei­tung und des Leh­rer­kol­le­gi­ums in die­ser Qua­li­tät nicht unbe­dingt üblich, des­halb sind wir dar­auf auch etwas stolz. Die Ursa­chen lie­gen wohl in unse­ren ver­trau­ens­vol­len Bezie­hun­gen, die wir unter­ein­an­der pfle­gen. Auf der Grund­la­ge einer The­se des Hirn­for­schers Joa­chim Bau­er: „Bezie­hung ist Bin­dung und die­se ent­steht durch gegen­sei­ti­ge Ein­füh­lung“, begann ich vor eini­gen Jah­ren damit, gegen­über mei­nen Kol­le­gen mehr Empa­thie zu ent­wi­ckeln, zu füh­len, was sie im Beruf inner­lich bewegt. Die­se Pra­xis, sich in der Kom­mu­ni­ka­ti­on immer auch in die Lage des jeweils ande­ren zu ver­set­zen, hat sich bald auf das gesam­te Kol­le­gi­um über­tra­gen. Seit­her sind unse­re Inter­ak­tio­nen geprägt von gegen­sei­ti­gem Respekt, Offen­heit und Fair­ness. Gegen­sei­ti­ge Reso­nanz auf unse­re Unter­richts­ar­beit geben wir uns im Rah­men unse­rer regel­mäßig statt­fin­den­den Feed­back­ge­sprä­che, bei wel­chen man sich dafür öff­net, wie man von ande­ren gese­hen wird. Die Zeit, in der man als Ein­zel­kämp­fer aus­schließ­lich sei­ner eige­nen begrenz­ten Selbst­wahr­neh­mung aus­ge­setzt ist (und mit der Zeit dazu neigt, sich selbst bes­ser zu bewer­ten, als dies objek­tiv der Fall ist), ist bei uns überwunden.

Die gegen­sei­ti­ge Hos­pi­ta­ti­on und Refle­xi­on hat ja nicht nur inhalt­lich-fach­li­che Aspek­te, son­dern rührt, wenn man die Sache ernst nimmt, auch an die Fun­da­men­te der eige­nen Per­sön­lich­keit, bei­spiels­wei­se wenn die Bezie­hungs­ge­stal­tung zu mei­nen Schü­lern zur Spra­che kommt und ich viel­leicht ent­de­cken muss, dass da eini­ges nicht stimmt…
Rich­tig! Ist der Wert trag­fä­hi­ger Bezie­hun­gen unterei­nander erst ein­mal erkannt, wer­den die Bezie­hun­gen unter­ein­an­der (zwi­schen Schü­ler und Leh­rer und inner­halb des Kol­le­gi­ums) zur mensch­lich und per­sön­lich fun­da­men­ta­len Ange­le­gen­heit. Bei uns stell­te sich zunächst die zen­tra­le Fra­ge: Wie kann man einen ver­trauensvollen Rah­men schaf­fen, in dem sich die Kol­le­gen peu à peu öff­nen und sich auch als Per­so­nen mit Stär­ken und Schwä­chen zei­gen? Sehr schnell wur­de uns bewusst, wo wir anset­zen muss­ten, näm­lich bei der Art und Wei­se, wie wir mit Kri­tik umgin­gen. Wir ent­wi­ckel­ten die Vor­stel­lung, dass Kri­tik einer­seits aus Aner­ken­nung bestehen, ande­rer­seits aber auch Hin­wei­se auf mög­li­che Ver­bes­se­run­gen ent­hal­ten soll. Wir woll­ten also Män­gel klar benen­nen, gleich­zei­tig aber auch Impul­se geben, die den Kol­le­gen in sei­nem Tun wei­ter­brin­gen. Im Lau­fe der Zeit war jeder dazu in der Lage, Kri­tik sowohl auf­bau­end als auch zumut­bar zu for­mu­lie­ren, das heißt sich zu fra­gen, wie die eige­ne Kri­tik vom Gegen­über auf­ge­nom­men wird. Heu­te emp­finden es alle als sehr befrei­end, dass man sich gegen­sei­tig unge­fil­tert und direkt sagen kann, was man kri­tisch denkt. So wur­den auch „har­te Per­sön­lich­keits-krus­ten“, die vie­le Kol­le­gen im Lau­fe ihres Berufs­le­bens ent­wi­ckelt hat­ten, lang­sam, aber ste­tig durchlässig.

Dei­ne Betä­ti­gung als Refor­mer ist sicher­lich oft­mals ziem­lich anstrengend…
In der Tat. Es erfor­dert viel Enga­ge­ment, die Musik­schu­le gemein­sam mit inter­es­sier­ten Kol­le­gen in ge­wisser Hin­sicht zu erneu­ern und es dabei nicht bei vagen Visio­nen zu belas­sen, son­dern kon­kret auf ein moder­nes Anfor­de­rungs­pro­fil hin­zu­ar­bei­ten. Auf das Musik­schul­we­sen auf Lan­des- und Bun­des­ebe­ne ein­zuwirken (in Form von Berich­ten und Prä­sen­ta­tio­nen auf Kon­gres­sen, Fort­bil­dun­gen auf Ver­bands­ebe­ne etc.) und an der eige­nen Musik­schu­le die Reform des Unter­richts zu betrei­ben, erle­be ich aber als sehr er­füllend. Im Schul­all­tag fin­de ich immer wie­der unzäh­li­ge An­lässe und Mög­lich­kei­ten, etwas zu bewegen.

Wenn du heu­te eine Musik­schu­le qua­si von null an neu auf­bau­en dürf­test, wie wür­de die aussehen?
Inhalt­lich gese­hen wür­de ich unser schon bestehen­des Kon­zept musi­ka­li­scher Bil­dung wei­ter­füh­ren, das heißt umfas­sen­des Musi­zie­ren pfle­gen (in jeder Unter­richts­ein­heit sin­gen und spie­len, impro­vi­sie­ren, kom­po­nie­ren, mög­lichst vie­le Gen­res inte­grie­ren und alles auf eige­nen CDs doku­men­tie­ren); die Unter­richts­stun­den viel­fäl­tig, tem­po­reich und kurz­wei­lig gestal­ten; den Anteil an Grup­pen­un­ter­richt deut­lich erhö­hen, weil Schü­ler mit Sozi­al­part­nern bes­ser und lie­ber ler­nen und weil hier­durch die Unter­richts­ge­büh­ren auch für sozi­al schwä­che­re Fami­li­en erschwing­lich sind. Zudem wür­de ich auch die Unter­richts­dau­er ändern. Die kur­zen Zeit­tak­te von manch­mal nur 30 Minu­ten Unter­richt wür­de ich abschaf­fen und beson­ders die Dau­er des Grup­pen­un­ter­richts auf min­des­tens 90 Minu­ten erhö­hen, um den viel­fäl­ti­gen bil­dungs­wirk­sa­men Inhal­ten in jeder Unter­richts­ein­heit genü­gend Zeit einzuräumen.

Lesen Sie wei­te­re Bei­trä­ge in Aus­ga­be 6/2010.