Fischer, Georg

Wo die Sprache an ihre Grenzen kommt

Quodlibet „Die Geige beginnet“ von Willy Geisler (1886–1952): ein Lehrstück, das die Ohren öffnet

Rubrik: Bericht
erschienen in: üben & musizieren 3/2026 , Seite 38

Eine Geige, die sich selbstbewusst kantabel in den Vordergrund spielt, untermalt von einer heiteren Klarinette in Mittellage? Eine Trompete, die nicht über ihre Vergangenheit als Signal- und Jagdinstrument hinwegkommt und Fanfaren schmettert? Dagegen unterbieten sich die Pauke und das Horn in der Einfachheit ihres Gemüts: Die Pauke hat nur zwei Töne, das Horn gibt sich sogar mit einem zufrieden.
Was Willy Geisler (1886-1952) hier komponierte, ist zunächst einmal ein guter musikalischer Witz, der die Eigenheiten der Musikinstrumente und ihre Rolle im Orchester humorvoll überzeichnet. Das Quodlibet ist jedoch weit mehr als das: Es ist das Musterbeispiel eines musikalischen Lehrstücks, das die Ohren für die Musik öffnet, wo die Sprache an ihre Grenzen kommt.
Dass sich Musik nur schwer in Worte fassen lässt, ist weithin bekannt und gehört gewissermaßen selbst zum Nachdenken über Musik. Zwar lässt sich ein Liegeton, wie ihn Geisler dem Horn zuweist, noch leicht beschreiben, kaum dagegen wie es sich anfühlt, diesen im Stimmengefüge eines Orchesters zu spielen. Schwerer noch wird es bei der Fanfare einer Trompete oder dem Charakter einer kantablen Melodie. Was hier vieler Worte bedarf, lässt sich jedoch noch auf anderem Wege vor Augen – besser: vor Ohren – führen: im Musizieren selbst!
Schon Johann Sebastian Bach lehrte seinem jüngsten Sohn Wilhelm Friedemann das Komponieren nicht durch lange Erklärungen, sondern mithilfe mustergültiger Stücke, die er in einem Klavierbüchlein, ähnlich dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, zusammenstellte. Noch näher dran an Geislers Lehrstück ist jedoch Prokofjews Musikmärchen Peter und der Wolf. Jeder Figur ist ein passendes Musikinstrument zur Seite gestellt, um bereits den Kleinsten die großen Instrumente des Orchesters und ihre Klangfarben näherzubringen. Ihr gemeinsamer didaktischer Gedanke: Wo die Sprache an ihre Grenzen kommt, lässt sich das Unsagbare immer noch Musizieren. So zeigt Musik das, was sich nur schwer in Worte fassen lässt. Frei nach dem berühmten Zitat Ludwig Wittgensteins: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man musizieren.
In diesem Sinne folgt das Quodlibet einem didaktischen Kalkül: Es versucht, den Charakter und die Spielweise der Instrumente und ihre Funktion im Ensemble möglichst deutlich und mustergültig in Erscheinung treten zu lassen. Im Medium von Musik präsentiert Geisler die jeweilige musikalische Eigenart der Instrumente, unterstützt noch durch den Liedtext. Dabei erinnert der überzeichnete Duktus an Ammensprache bzw. „baby talk“: Wie Eltern ihren Kindern mit überdeutlicher Artikulation das Sprechen beizubringen versuchen, so stellen sich in Geislers Komposition die Instrumente vor, damit auch diejenigen die Musik verstehen lernen, die sie noch nicht verstehen. Dass das auch lustig sein kann und Spaß macht, zeigt nicht zuletzt die Horn-Stimme: Die große Tradition klassischer Orchestermusik reduziert auf einen Liegeton.
Für die Musikschularbeit ergeben sich daraus vielfältige Anknüpfungspunkte, insbesondere für den Unterricht an Geige, Klarinette, Trompete, Horn und Schlagwerk. Im Musizieren erfahren die Lernenden etwas über Musikinstrumente im Zusammenspiel des Ensembles. Das Stück regt dazu an, die Musik sprechen zu lassen, damit sie sich selbst erklärt und verständlich macht. Dabei verlagert sich der Blickwinkel weg von der Einzelstimme in Richtung eines gemeinsamen Musizierens, was auch bedeutet, eine musikalische Rolle einzunehmen und eine Funktion zu erfüllen. Gerade die überspitzte Darstellung der Instrumente bis ins Klischee lädt dazu ein, sich mit musikalischen Rollenerwartungen auseinanderzusetzen und eigene Vorstellungen und Rollenverständnisse zu entwickeln. Und wer weiß: Vielleicht schlummert ja in dem ein oder anderen Horn eine heimliche Trompete und in der einen oder anderen Geige eine nette Klarinette.

Lesen Sie weitere Beiträge in Ausgabe 3/2026.

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