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Ludwig, Johanna

Zum Leben erweckt

Methodische Anregungen am Beispiel des Klavierstücks „Clowns“ von Dmitri Kabalewski

Rubrik: Praxis
erschienen in: üben & musizieren 3/2017 , Seite 29

Notenlesen hat wie das Lesen von Texten bei Ungeübten den Charakter des Buchstabierens. Es findet eine Decodierung der einzelnen Zeichen statt, doch der größere Zusammenhang, der Aufschluss über Sinn und Bedeutung des Ganzen gibt, bleibt im Dunkeln. So entsteht eine Diskrepanz zwischen Verständnis und Lesefähigkeit, denn Schülerinnen und Schüler können meist weitaus komplexere Strukturen und Zusammenhänge hören und empfinden, als sie fähig sind zu lesen.

Den­noch wer­den neue Stü­cke im Unter­richt all­zu oft „erle­sen“ und erst wenn der Noten­text ver­traut ist, wird ein frei­er Umgang mit der Musik ermög­licht. Wie lässt sich aber vom ers­ten Ken­nen­ler­nen eines Stücks an ein per­sön­li­cher, emo­tio­na­ler, sinn­haf­ter Zugang eröff­nen? Sibyl­le Cadas Arti­kel „Ein­stieg in ein neu­es Stück“* bie­tet Anre­gung und Inspi­ra­ti­on, exem­pla­risch eini­ge metho­di­sche Ansät­ze anhand eines kon­kre­ten Stücks aus­zu­ar­bei­ten. Dabei steht das Zusam­men­spiel von Hören, Lesen, inne­rer Vor­stel­lung, Wie­der­erken­nen und tech­ni­scher Umset­zung im Mit­tel­punkt. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler gehen mit der Musik um, machen sie sich zu eigen und ent­wi­ckeln eine selbstbe­wusste per­sön­li­che Hal­tung ihr gegen­über.
Mei­ne metho­di­schen Ansät­ze sind als Anre­gung zu krea­ti­ven Her­an­ge­hens- und Umgangs­wei­sen mit neu­en Stü­cken zu ver­ste­hen und frei kom­bi­nier- und vari­ier­bar. Vie­le der Ide­en kom­men ohne den Noten­text aus, ver­mit­teln aber eine sehr kon­kre­te Vor­stel­lung von Form und Melo­die­auf­bau. Wenn nach den spie­le­ri­schen Zugän­gen schließ­lich der Noten­text vor­ge­legt wird, ist bereits eine Bezie­hung zur Musik auf­ge­baut. So wer­den die Noten, statt rät­sel­haf­te Hie­ro­gly­phen zu sein, zum will­kom­me­nen Hilfs­mit­tel.
Das zur Betrach­tung aus­ge­wähl­te Stück Clowns von Dmi­tri Kaba­lew­ski gehört in die Samm­lung 24 klei­ne Stü­cke für Kla­vier op. 39 (ent­stan­den 1944) und ist ein Cha­rak­ter­stück für den Unter­richts­ge­brauch. Kaba­lew­ski selbst war zeit sei­nes Lebens als Leh­rer und Musik­ver­mitt­ler tätig. Das Stück ist for­mal über­sicht­lich durch eine drei­tei­li­ge A-B-A'-Form und melo­disch ein­präg­sam durch cha­rak­te­ris­ti­sche Ana­päst-Rhyth­men und stän­dige Wech­sel zwi­schen Moll- und Dur-Terz. Der Auf­bau aus melo­disch wie rhyth­misch sich wie­der­ho­len­den Kleinst­bau­stei­nen eig­net sich für die Ein­füh­rung ohne den Noten­text eben­so wie für Lese­übun­gen „aus der Vogel­per­spek­ti­ve“: Die Wie­der­erken­nung von glei­chen Moti­ven und das Fin­den von Varia­tio­nen wird geübt. Die im Titel vor­ge­ge­be­ne Sze­ne­rie bie­tet Anstoß für einen ers­ten Umgang mit inter­pre­ta­to­ri­schen Fra­gen.

Beweg­tes Hören

Der ers­te Ein­druck geschieht über das Hören. Die Leh­re­rin spielt das Stück vor und for­dert den Schü­ler auf, sich zur Musik zu bewe­gen. Durch den gan­zen Raum oder am Platz – wie es die Bedin­gun­gen zulas­sen. Wie bewegt sich die Musik und wie bewegt mich die Musik? Was ver­än­dert sich im Lauf des Stücks, was bleibt gleich oder kehrt wie­der? Der Schü­ler wird die musi­ka­li­schen Para­me­ter Tem­po, Dyna­mik und Ambi­tus intui­tiv sicht­bar machen durch die beweg­te Illus­tra­ti­on: Wo im Raum bewe­ge ich mich, am Boden krie­chend, durch den Raum schrei­tend oder in der Luft sprin­gend? Sind die Bewe­gun­gen wild und über­mü­tig oder fein und ver­spielt?

* Sibyl­le Cada: „Ein­stieg in ein neu­es Stück“, in: üben & musi­zie­ren 4/2005, S. 52–55.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 3/2017.