Meier, Stefan / Wolfgang Lessing
Zum (Un-)Sinn von Wettbewerben
Zwei Kommentare aus Perspektive der Sport- und Musikpädagogik
Ob Buchstabierwettbewerb, Mathematikolympiade, „Jugend forscht“, „Jugend debattiert“, Bundesjugendspiele, Deutsche Hochschulmeisterschaften oder „Jugend musiziert“: Wettbewerbe prägen viele Lernorte und Disziplinen und gelten als Motor für Leistungsmotivation, Talententwicklung und soziale Kompetenzen. Doch (wie) fördern sie tatsächlich das Lernen – und wann stehen sie ihm im Weg? Stefan Meier (Sportpädagogik) und Wolfgang Lessing (Musikpädagogik) diskutieren zum (Un-)Sinn von Wettbewerben und beleuchten, unter welchen Bedingungen sie zu echten Lerngelegenheiten werden.
Platzpatronen der Pädagogik?! – Über Sinn und Unsinn sportlicher Wettbewerbe
Stefan Meier
Die Begriffe Leistung und Sport sind auf scheinbar selbstverständliche Art und Weise miteinander verwoben. Dabei wird Sport vielfach als nahezu idealtypisches Feld einer Aufführung normierter Leistungsvorstellungen begriffen, bei dem vermeintlich klar ist, welche inhaltlichen Konturen Leistung aufweist. Nicht zuletzt wird Sport oftmals in übergeordneter Perspektive zugeschrieben, er bringe die Prinzipien der Leistungsgesellschaft besser zum Ausdruck als diese selbst.1
Leistung und Sport – über scheinbar Selbstverständliches
Seit jeher wird Leistung im Sport als ein grundlegendes Prinzip hochgehalten.2 Eng damit verbunden sind Aspekte wie Wetteifer, die mithin als grundlegende Kategorien „menschlicher Weltzuwendung“3 ausgelegt werden. So besteht hinsichtlich unterschiedlicher sportbezogener Settings mit pädagogischer Konturierung – schulischer Sportunterricht, außerunterrichtliche Sportangebote in Schule oder Freizeit – weitgehender Konsens darüber, dass eine pädagogisch verantwortungsvolle Leistungserziehung eine wichtige pädagogische Handlungsorientierung (mit „Bildungswert“) sei.4
Pointiert wird dabei vielfach, dass das Besondere an Leistungen im Sport sei, dass Einzelne entsprechende Handlungen zumeist selbst mit ihrem eigenen Körper erbringen, die Ausführung kaum bis gar nicht an andere delegieren und hierdurch besondere Möglichkeiten des Leisten-Könnens, des Erfahrens von Leistung, der Förderung von Anstrengungs- und Leistungsbereitschaft entstehen können. Gleichwohl gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, inwiefern sich diese besonderen Möglichkeiten in pädagogischer Hinsicht (nicht) einstellen5 – worüber von Zeit zu Zeit auch öffentliche Debatten entflammen.
Leistungsgerechter Wettbewerb im Sport – (k)ein Mythos?
Gerade der sportliche Wettbewerb gilt als Symbol eines vermeintlich objektiven Leistungsvergleichs – als Ort, an dem Leistungen eindeutig messbar und damit gerecht erscheinen, und als Ort, an dem das vielfach als typisch menschlich begriffene Streben nach Besser-sein-Wollen außerordentlich greifbar wird. Das wettkampfsportliche Geschehen dreht sich daher primär um das Überbieten (siehe auch die olympische Idee des citius, altius, fortius). Insbesondere im Hochleistungswettkampfsport werden dabei Handlungslogiken eingeübt bzw. inszeniert wie „das Recht des Stärkeren“, „der Sieg der einen ist die Niederlage aller anderen“, die andernorts als „Un-Dinge“6 gelten. Folgerichtig werden dort besonders eindeutige (gleiche) Startbedingungen und Bewertungskriterien für sportliche Wettbewerbe kolportiert – man stelle sich z. B. einen Boxwettkampf ohne dergleichen vor. Derartige Normierungen ermöglichen erst den agonalen Leistungsvergleich und hegen ihn gleichermaßen ein. Am Ende solch eines Wettbewerbs stehen damit nicht nur SiegerInnen fest, es werden auch Ungleichheiten zur Schau gestellt.
1 Krockow, Christian: Sport und Industriegesellschaft, München 1974.
2 Zugleich wird bezüglich Wettkampfsport kritisch eingewendet, dass zumeist erreichte Erfolge als zentrale Größen gelten, was das Hochhalten des Leistungsprinzips infrage stellt; vgl. Johnen, Simon: „Leistung und Erfolg in Sport und Ökonomie“, in: Schürmann, Volker/Mittag, Jürgen/Stibbe, Günter/Nieland, Jörg‑Uwe/Haut, Jan (Hg.): Bewegungskulturen im Wandel. Der Sport der Medialen Moderne – Gesellschaftstheoretische Verortungen, Bielefeld 2016, S. 47-63.
3 Schmitz, Josef Nikolaus: Studien zur Didaktik der Leibeserziehung. Teil II, Schorndorf 1967, S. 166 ff.
4 vgl. hierzu Sygusch, Ralf/Guardiera, Petra/Reimers, Anne Kerstin: „Bildungsthemen“, in: Balz, Eckart/Reuker, Sabine/ Scheid, Volker/Sygusch, Ralf (Hg.): Sportpädagogik. Eine Grundlegung, Stuttgart 2021, S. 226-241.
5 siehe Meier, Stefan: Leistung und Diversität im Schulsport. Grundlagen und Perspektiven, Wiesbaden 2023.
6 Güldenpfennig, Sven: „Sport als Mittel einer Politik der Menschenrechte?“, in: Kiuppis, Florian/Kurzke‑Maasmeier, Stefan (Hg.): Sport im Spiegel der UN‑Behindertenrechtskonvention. Interdisziplinäre Zugänge und politische Positionen, Stuttgart 2012, S. 71.
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Jenseits von Pro und Kontra – Überlegungen zu Wettbewerben im Allgemeinen und „Jugend musiziert“ im Besonderen
Wolfgang Lessing
Wenn MusikpädagogInnen über einen Wettbewerb wie „Jugend musiziert“ diskutieren, scheinen Polarisierungen unvermeidlich. „Jugend musiziert? Auf keinen Fall! Die Qualität eines Musizierens lässt sich doch nicht objektiv messen. Wir sollten froh sein, dass es in unserer Leistungsgesellschaft einen Raum wie die Musik gibt, der sich der Logik einer derart eindimensionalen Bewertung hartnäckig entzieht.“ Oder: „Was kann es Schöneres geben, als junge Menschen dazu zu motivieren, ihre Energie ganz auf ihr Instrument zu richten und dabei womöglich auch einmal ihre Komfortzone zu verlassen? Gerade in einer Welt, in der ein mediales Überangebot an Ablenkungen (mit erheblichem Suchtpotenzial) existiert, ist es wichtiger denn je, Räume zu schaffen, in denen Ziele entstehen können, die sich nicht per Mausklick befriedigen lassen.“
Ich merke, dass ich bei derartigen Diskussionen dazu neige zu verstummen. Ich spüre, dass es hier nie nur um die Sache selbst geht. Hinter beiden Positionen verbergen sich tiefgehende Überzeugungen, die sich nicht einfach wegdiskutieren lassen. Dass derart grundsätzliche Haltungen zur Musik, ja zum Leben überhaupt, zu einer Einigung oder wenigstens zu einem Aufeinander-zu-Bewegen führen können, ist schwer vorstellbar.
Hinzu kommt, dass ich bei mir selbst eine eigentümliche Ambivalenz wahrnehme: Einerseits geht es mir in meiner Tätigkeit als Musiker, Hochschullehrer und Forscher immer zentral um Aspekte wie Teilhabegerechtigkeit und – ganz allgemein – um die Frage, welchen Beitrag Musik und Musizieren zu einem guten und erfüllten Leben leisten können (vor diesem Hintergrund spüre ich große Sympathie für die oben beschriebene Position 1). Gleichzeitig muss ich aber auch feststellen, dass die Teilnahme an „Jugend musiziert“ für meine eigene cellistische Biografie von größter Bedeutung war. Und ich kann nicht verhehlen, dass ich immer wieder sehr gerne als Juror am Bundeswettbewerb teilnehme und in den meisten Fällen reich beschenkt nach Hause fahre. Ich nehme beim Großteil der Teilnehmenden einen überwältigenden Enthusiasmus wahr, in den sicher auch der Stolz hineinspielt, es so weit geschafft zu haben (was man durchaus als Punktsieg für Position 2 sehen kann).
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