Abel, Clamor Heinrich

Zwei Sui­ten

für Violine und Generalbass, Partitur und Violinstimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: eres, Lilienthal 2015
erschienen in: üben & musizieren 4/2015 , Seite 56

Bre­men ist eine Musik­stadt“, schreibt Bre­mens ehe­ma­li­ger Bür­ger­meis­ter Hen­ning Scherf. Der Musik­wis­sen­schaft­ler Oli­ver Ros­teck erforscht das Musik­leben der Han­se­stadt seit vie­len Jah­ren. Neben einer Bre­mer Musik­ge­schich­te ver­öf­fent­lich­te er ­Noten­aus­ga­ben mit Wer­ken von ­Johann Hein­rich Loewe oder des als Kom­po­nis­ten weit­ge­hend unbe­kann­ten Adolf Frei­herr von Knig­ge.
Die neu­es­te Aus­ga­be ist zwei Sui­ten von Clamor Hein­rich Abel (1634–1696) gewid­met. Die Abels waren – ver­gleich­bar den Bachs – eine Musi­ker­fa­mi­lie, die sich bis ins aus­ge­hen­de 16. Jahr­hun­dert zurück­ver­fol­gen lässt und deren bekann­tes­ter Spross Carl Fried­rich Abel war. Das ers­te als Musi­ker wir­ken­de Mit­glied die­ser Fami­lie war Hein­rich Oth­mar Abel, der ab 1615 in Bre­men leb­te. Er war der Groß­va­ter von Clamor Hein­rich Abel, der in Cel­le und Han­no­ver als Orga­nist und Vio­la-da-Gam­ba-Spie­ler wirk­te und zwei Jah­re vor sei­nem Tod zum Lei­ter der Bre­mer Rats­mu­sik bestimmt wur­de.
Die bei­den Sui­ten in G-Dur und g-Moll geben einen Ein­blick in Bre­mens bür­ger­li­che Musik­pfle­ge des 17. Jahr­hun­derts. Dass auf ein­zel­ne Tän­ze oft Varia­tio­nen fol­gen, deu­tet auf eine Impro­vi­sa­ti­ons­pra­xis hin, die hier nie­der­ge­schrie­ben wur­de. Die Noten spie­geln also eine höchst leben­di­ge Musik­kul­tur wider! Zumeist ist die Violin­stim­me auf die ers­te bis drit­te Lage begrenzt. Doch die tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten die­ser Musik soll­te man nicht unter­schät­zen. Es gibt vie­le Sai­ten­wech­sel, die mit der not­wen­di­gen Behän­dig­keit gemeis­tert wer­den müs­sen. Die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung ist die Arti­ku­la­ti­on. Das Noten­bild erscheint ori­gi­nal, ohne Vor­schlä­ge für Stri­ch­ar­ten durch den Her­aus­ge­ber. Dies bedeu­tet, dass sich die Spie­le­rIn­nen eine sinn­vol­le und spre­chen­de Ein­tei­lung der Melo­die und die Stri­ch­ar­ten selbst zurecht­le­gen müs­sen, um den spe­zi­fi­schen Cha­rak­ter der Tän­ze her­aus­zu­ar­bei­ten. Die Gene­ral­bass­stim­me wur­de von Oli­ver Rosteck stil­ge­treu aus­ge­setzt.
Bei­de Sui­ten loh­nen sich sowohl für den Unter­richt als auch für den Kon­zert­saal. Das Tän­ze­ri­sche, die Spiel­freu­de, eine erstaun­liche Vir­tuo­si­tät fes­seln auch heu­te noch. Dabei ist die zwei­te Sui­te in g-Moll auf­grund ihrer für die dama­li­ge Zeit küh­nen Har­mo­nik beson­ders ergrei­fend: Chro­ma­ti­sche Akkord­ver­bin­dun­gen und ein bis­wei­len über­ra­schen­der Wech­sel der Ton­art wei­sen auf Johann Sebas­ti­an Bach vor­aus. Auch ergibt sich ins­be­son­de­re in der Gigue ein dich­tes Duet­tie­ren zwi­schen Violin­stim­me und Bass.
Die­se Edi­ti­on bemüht sich um ein klar les­ba­res und dem ori­gi­na­len Text ent­spre­chen­des Noten­bild. Schön wäre es, wenn der Her­aus­ge­ber auch die Quel­len ange­ge­ben hät­te für Musi­ker, die mehr in die Tie­fe drin­gen wol­len. Doch zwei­fel­los ist die­se Aus­ga­be eine wert­vol­le Berei­che­rung des Vio­lin­re­per­toires.
Franz­pe­ter Mess­mer