Herbst, Sebastian

Zwi­schen Eupho­rie und Über­las­tung

Der Kommentar

Rubrik: Kommentar
erschienen in: üben & musizieren 4/2020 , Seite 39

Mit Erschei­nen die­ser Aus­ga­be wer­den wir uns alle in der wohl­ver­dien­ten Som­mer­pau­se befin­den. In die­sem Jahr waren wir ganz beson­ders gefor­dert, Fle­xi­bi­li­tät zu bewei­sen und Neu­es aus­zu­pro­bie­ren. Zum Teil waren wir viel­leicht selbst über­rascht von uns, von unse­ren Schü­le­rIn­nen und von unge­ahn­ten Mög­lich­kei­ten, an ande­ren Stel­len haben wir durch Schei­tern ein gehö­ri­ges Maß an Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz dazu­ge­won­nen. Bli­cken wir zurück:
Nach kur­zem Schock über die pan­de­mie­be­ding­ten Musik­schul­schlie­ßun­gen stell­te sich schnell eine gewis­se Eupho­rie ein. Rasant häuf­ten sich die Pres­se­mit­tei­lun­gen über Musik­schu­len, die nach eige­nen Aus­sa­gen „inno­va­tiv“ und „krea­tiv“ mit digi­ta­len Ange­bo­ten auf die Coro­na-Kri­se reagier­ten – meist per Video­chat. Und wenn wir jetzt schon online sind, lässt sich doch gleich dar­über nach­den­ken, wie auf die­se Wei­se Men­schen erreicht wer­den könn­ten, die aus unter­schied­li­chen Grün­den nicht an einem Prä­senz­un­ter­richt teil­neh­men kön­nen – nicht zuletzt poten­zi­el­le Schü­le­rIn­nen, denen im länd­li­chen Raum ein ein­ge­schränk­tes Prä­sen­z­an­ge­bot zur Ver­fü­gung steht, wie es Chris­tin Vogt in die­ser Aus­ga­be beschreibt. Kri­ti­sche Stim­men ­– zum Bei­spiel in Bezug auf die DSGVO wie im Bei­trag von Jörg Som­mer­feld – hiel­ten sich zunächst noch in Gren­zen.
Beacht­lich war hin­ge­gen das rasch wach­sen­de Ange­bot an kol­le­gia­len Aus­tausch- und Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bo­ten, denn nicht lan­ge lie­ßen Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te in Form von Webi­na­ren, Pod­casts und Mate­ria­li­en auf sich war­ten. Einen sol­chen Bei­trag lie­fert in die­ser Aus­ga­be bei­spiels­wei­se Ursu­la Levens mit ihren Über­le­gun­gen zum gemein­sa­men Online-Musi­zie­ren.
Nach weni­gen Wochen mehr­ten sich aber auch kri­ti­sche Stim­men: Vie­le erleb­ten den Online-Unter­richts­tag als beson­ders anstren­gend. Tech­ni­sche Pro­ble­me durch insta­bi­le Inter­net­ver­bin­dun­gen sind nur ein Grund dafür. Geklagt wur­de unter ande­rem über erhöh­te Belas­tun­gen durch eine ver­än­der­te Kom­mu­ni­ka­ti­on, die Schü­le­rIn­nen und Leh­ren­den ein höhe­res Maß an Kon­zen­tra­ti­on abver­lan­ge. Ins­be­son­de­re wur­de aber die Unmög­lich­keit syn­chro­nen gemein­sa­men Musi­zie­rens sowie die klang­lich stark ein­ge­schränk­te Über­tra­gungs­qua­li­tät in Video­chats kri­ti­siert: „Man muss ja auf das kleins­te µ (= Mü) reagie­ren, wenn ein Stu­dent spielt […]. Und das kann ich ja über­haupt nicht beur­tei­len […]. Also da wird ja so viel klang­lich weg­ge­schnit­ten“ (Pro­fes­so­rin Doro­thee Ober­lin­ger am 18. Mai 2020 im Deutsch­land­funk). Es ist also ein logi­scher Schritt, dass der Online-Liveun­ter­richt meist schnell durch die Arbeit mit Auf­nah­men in asyn­chro­nen Lehr-Lern­for­ma­ten ergänzt wur­de.
Neben Kla­gen über hohe Belas­tun­gen sowie man­geln­de tech­ni­sche Aus­stat­tung und Klang­qua­li­tät berich­te­ten Stu­die­ren­de aber auch über schwie­ri­ge Situa­tio­nen beim häus­li­chen Üben, da sich Nach­barn, Fami­li­en­mit­glie­der oder Mit­be­woh­ne­rIn­nen gestört füh­len, das Üben zum Teil ver­bo­ten oder kein eige­nes Instru­ment in der WG vor­han­den ist.
Und jetzt, wäh­rend der Som­mer­pau­se, fra­ge sicher nicht nur ich mich, wie es wohl nach der Som­mer­pau­se wei­ter­ge­hen wird. Wann wer­den wir zu einer Nor­ma­li­tät zurück­ge­kehrt sein und wie wird die­se gege­be­nen­falls ver­än­der­te Nor­ma­li­tät aus­se­hen? Was hat sich in den ver­gan­ge­nen Mona­ten so bewährt, dass wir es bei­be­hal­ten oder wei­ter aus­bau­en wol­len? Wo haben sich Her­aus­for­de­run­gen gezeigt, die wir noch bezwin­gen wol­len oder die uns zum Neu- oder Anders­den­ken anre­gen und wo gab es Gren­zen? Wel­che digi­ta­len Lehr-Lern­for­ma­te kön­nen das Musi­zie­ren­ler­nen berei­chern? Was ist eigent­lich wirk­lich neu und inno­va­tiv und wel­che Vor­schlä­ge ent­tar­nen sich als Über­tra­gung ana­lo­ger Vor­ge­hens­wei­sen in eine digi­ta­le Welt?
Die­se und ande­re zum Teil nicht neue Fra­gen regen aktu­ell einen leben­di­gen Fach­dis­kurs an, der hof­fent­lich auch noch nach der Rück­kehr zu einer wie auch immer gear­te­ten Nor­ma­li­tät anhal­ten wird; denn es kann nicht erwar­tet wer­den, dass die Musik­schu­le schon nach drei bis vier Mona­ten einer zwangs­ver­pflich­te­ten Digi­ta­li­tät zu einem Ort gewor­den ist, an dem digi­ta­le Lehr-Lern­for­ma­te in allen Berei­chen selbst­ver­ständ­lich und lern­för­der­lich ein­ge­setzt wer­den.
Die Som­mer­pau­se kommt daher sehr gele­gen, um durch­zu­at­men, die viel­fäl­ti­gen Erfah­run­gen zu reflek­tie­ren, neue Ener­gie zu tan­ken und mit einem kla­re­ren Blick und bes­ser vor­be­rei­tet in die zwei­te Pha­se zu star­ten, als es nach der in gewis­ser Wei­se über­fall­ar­ti­gen digi­ta­len Neu­ori­en­tie­rung im Rah­men der Coro­na-Schlie­ßun­gen mög­lich war. Wir wer­den aber auch am Ende des Jah­res nicht alle Fra­gen beant­wor­tet haben – zum Glück nicht, denn unse­re Arbeit unter­liegt sich stän­dig ver­än­dern­den Anfor­de­run­gen, die unse­re Auf­merk­sam­keit, Refle­xi­ons­fä­hig­keit und Krea­ti­vi­tät als lebens­lang ler­nen­de Leh­ren­de erfor­dern.

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