Lang, Frauke

Zwi­schen Gieß­kan­nen­prin­zip und Willkür

Leistungsorientierte Bezahlung an ­Musikschulen – ein Thema mit Zündstoff

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 6/2010 , Seite 14

Bereits seit einigen Jahren bereitet die Einführung der „leistungsorien­tierten Bezahlung“ Musikschul­leitungen und Lehrkräften einiges an Kopfzerbrechen. An manchen Musikschulen wird das Verfahren mit Erfolg angewendet, andere flüchten sich in undefinierte kleinere Bonuszahlungen, an wieder anderen wird das Thema kaum diskutiert.

Der Beruf des Musik­schul­leh­rers in Deutsch­land lohnt sich eigent­lich nicht!“, gibt Anselm Ernst, Pro­fes­sor für Musik­päd­ago­gik an der Musik­hoch­schu­le Frei­burg im Ruhe­stand, zu beden­ken. Im Ver­gleich zu Öster­reich und der Schweiz, wo die qua­li­fi­zier­te Aus­bil­dung mit dem Grund­schul­leh­rer-Gehalt ver­gü­tet wer­de, sei­en die deut­schen Instru­ment­al­leh­rer viel zu nied­rig bezahlt. Es gebe kei­ne Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten – wozu also sol­le man sich als Instru­ment­al­leh­rer anstren­gen, „bei der grau­sa­men Bezahlung“?
In die­sem Sin­ne scheint das mit der Ein­füh­rung des TVöD 2005 ein­ge­führ­te Kon­zept der leis­tungs­ori­en­tier­ten Bezah­lung ein grund­sätz­li­ches Pro­blem auf­zu­grei­fen. Man begeg­ne­te der jah­re­lang wäh­ren­den Kla­ge, dass es dem öffent­li­chen Dienst an Leis­tungs­ori­en­tie­rung feh­le. Dem Dienst nach Vor­schrift soll­te end­lich der Gar­aus gemacht wer­den. Wie sieht jedoch die Rea­li­tät aus? Lässt sich ein Musik­schul­be­trieb tat­säch­lich in mess­ba­re Qua­li­täts­pa­ra­me­ter zerlegen?
„Das ist ein büro­kra­ti­scher Auf­wand, der Musik­schu­len unnö­tig belas­tet“, urteilt Ernst, „ein gro­ßer Auf­wand, der viel Zeit- und Ener­gie­ein­satz benö­tigt – mit frag­li­chem Erfolg!“ „Auf jeden Fall ist das Kon­zept über­aus sinn­voll und auch in Musik­schu­len zu rea­li­sie­ren“, meint hin­ge­gen Armin Augat, Geschäfts­füh­rer des Kom­mu­na­len Arbeit­ge­ber­ver­bands (KAV) Bay­ern und Vor­stands­mit­glied des Ver­bands Baye­ri­scher Sing- und Musik­schu­len (VBSM), „vor­aus­ge­setzt, es wird rich­tig ein­ge­führt und intel­li­gent ange­wandt. Das Sys­tem funk­tio­niert für alle, aber die indi­vi­du­el­le Umset­zung liegt in der Ver­ant­wor­tung der ein­zel­nen Ins­titutionen, die Schwer­punk­te in den für sie wich­ti­gen Berei­chen set­zen können.“
Hört man sich im Kreis der Musik­schul­leh­re­rIn­nen um, wer­den bei­de Ansich­ten ver­tre­ten – häu­fig begeg­net man jedoch deut­li­cher Ableh­nung. Immer wie­der bemän­geln die Lehr­kräf­te die Schwie­rig­kei­ten der Kri­te­ri­en­wahl: Die Dis­kus­si­on zieht ein Gefühl von Kon­kur­renz­för­de­rung nach sich, die Kri­te­ri­en wer­den als ein­sei­tig und zu wenig dif­fe­ren­ziert emp­fun­den. Kein Wun­der, fin­det Augat, erfor­de­re das Sys­tem doch auf jeden Fall ein Umden­ken und koope­ra­ti­ven Ein­satz von Musik­schul­lei­tung wie Lehrkräften.

Lässt sich ein Musikschul­betrieb tat­säch­lich in mess­ba­re Qua­li­täts­pa­ra­me­ter zerlegen?

Ich erle­be die­ses The­ma eigent­lich gar nicht“, äußert sich ein Leh­rer und scheint damit kein Ein­zel­fall zu sein. „Es gibt dif­fu­se Mei­nun­gen über den Stand der Dis­kus­si­on. Die akti­ven Kol­le­gen sind gene­rell eher dafür, von grund­sätz­lich zurück­hal­tend agie­ren­den habe ich noch kei­ne Mei­nung gehört.“ Die Mate­rie scheint auf den ers­ten Blick (zu) wenig trans­pa­rent. Laut Augat gibt es in Wirk­lich­keit genug Trans­pa­renz: Wer dies wol­le, kön­ne sich pro­blem­los infor­mie­ren beim VdM, VBSM oder auch bei den kom­mu­na­len Arbeitgeberverbänden.

Leis­tungs­ori­en­tier­te Bezah­lung – wie und wozu?

Die leis­tungs- und/oder erfolgs­ori­en­tier­te Bezah­lung soll dazu bei­tra­gen, die öffent­lichen Dienst­leis­tun­gen zu ver­bes­sern. Zugleich sol­len Moti­va­ti­on, Eigen­ver­ant­wor­tung und Füh­rungs­kom­pe­tenz gestärkt wer­den“, heißt es in § 18 des TVöD. Bereits seit 2007 soll­te das Kon­zept ver­bind­lich umge­setzt wer­den. Im Rah­men der Per­so­nal­kos­ten muss ein Zusatz­bud­get ein­ge­plant wer­den, aus dem beson­de­re Leis­tun­gen ent­lohnt wer­den kön­nen. In Musik­schu­len ist das Volu­men mit der­zeit 1,25 Pro­zent des Gesamt­vo­lu­mens der Per­so­nal­kos­ten des ver­gan­ge­nen Jah­res gering, aber es stei­gert sich. Ziel sind acht Pro­zent, denen man sich jähr­lich in 0,25-prozentigen Schrit­ten annä­hert. „Mit einem so gerin­gen Volu­men wird die tatsäch­liche Leis­tung natür­lich noch nicht aus­rei­chend mate­ri­ell auf­ge­wer­tet“, gibt Augat zu, „aber sie dient schon ein­mal als Anreiz.“
Das Bud­get ist also so ein­ge­schränkt, dass es kaum als ange­mes­se­ne Ent­loh­nung ver­stan­den wer­den kann. Auch hier­zu hat manch ein Leh­rer eine deut­li­che Mei­nung: „Die Höhe des so genann­ten Leis­tungs­ent­gelts ist so lächer­lich gering, dass sie an Pein­lich­keit nicht zu über­bie­ten ist! Sie ersetzt bei Wei­tem nicht die rea­len Gehalts­kür­zun­gen um zehn und mehr Pro­zent, die die meis­ten älte­ren Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen auf­grund des Feri­en­über­hangs und den damit in Zusam­men­hang ste­hen­den Rege­lun­gen in den letz­ten Jahr­zehn­ten hin­neh­men mussten!“

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 6/2010.